Netanjahu-Rivale Gantz mit Regierungsbildung beauftragt

Lesedauer: 5 Min
Benny Gantz
Benny Gantz (l), Ex-Militärchef, und Israels Staatspräsident Reuven Rivlin. (Foto: Ilia Yefimovich / DPA)
Deutsche Presse-Agentur

Inmitten der Coronakrise hat der oppositionelle Ex-Militärchef Benny Gantz (60) in Israel den Auftrag zur Bildung einer neuen Regierung erhalten. Staatspräsident Reuven Rivlin beauftragte ihn am Montag, genau zwei Wochen nach der dritten Parlamentswahl binnen eines Jahres.

Der Vorsitzende des Mitte-Bündnisses Blau-Weiß hat nun 28 Tage Zeit. Gantz sagte am Montag bei der feierlichen Zeremonie im Amtssitz des Präsidenten in Jerusalem, er werde alles unternehmen, um binnen weniger Tage eine „nationale, patriotische und möglichst breite“ Koalition zu schmieden. Die Abgeordneten des neuen Parlaments (Knesset) wurden unterdessen unter strengen Sicherheitsvorkehrungen vereidigt.

Die rechtskonservative Likud-Partei des bisherigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu war zwar bei der Parlamentswahl am 2. März stärkste Fraktion geworden. Gantz bekam aber mehr Empfehlungen der im Parlament vertretenen Parteien für die Regierungsbildung. Eine Mehrheit von 61 der 120 Abgeordneten sprach sich am Sonntag für ihn aus. Dies bedeutet aber nicht automatisch, dass er auch eine Mehrheit hat, um eine Koalition zu schmieden.

„Israel befindet sich am Anfang einer schweren Krise“, sagte Gantz mit Blick auf die Ausbreitung des Coronavirus. „In diesen Tagen müssen politische Anführer alle persönlichen Erwägungen beiseite lassen.“ Gantz sprach sich für eine Einheitsregierung aus, ohne Einzelheiten zu nennen. Er wolle dabei allen Israelis dienen, von den Siedlern bis zur arabischen Minderheit, betonte Gantz.

Er rief alle Parteichefs, darunter auch Netanjahu, zu Bemühungen um eine nationale Versöhnung auf. Sie müssten „die zerstörerischen verbalen Waffen niederlegen und auf überflüssigen Hass verzichten“, sagte er, offenbar an Netanjahu gerichtet, der ihn während des Wahlkampfs persönlich angegriffen hatte. Sowohl Gantz als auch Rivlin betonten, eine vierte Wahl sei keine Option.

Die Abgeordneten der 23. Knesset wurden am Montag unter strikten Sicherheitsvorkehrungen vereidigt. Sie kamen jeweils in kleinen Dreier-Grüppchen in den Plenarsaal, um das Infektionsrisiko zu verringern. Nach einer Regierungsanweisung dürfen sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus nicht mehr als zehn Menschen gemeinsam in einem Raum aufhalten. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums ist das Virus Sars-CoV-2 mittlerweile bei mehr als 250 Personen in Israel nachgewiesen worden. Todesfälle wurden bisher nicht erfasst.

Seit mehr als einem Jahr steckt Israel in einem politischen Patt. Auch die dritte Wahl binnen eines Jahres endete ohne klaren Sieger. Weder Netanjahus rechts-religiöser Block noch Gantz' Mitte-Bündnis verfügte bislang über eine Mehrheit.

Die Likud-Partei wurde mit 36 von 120 Sitzen zwar stärkste Kraft. Allerdings verfehlte das rechts-religiöse Lager um den Likud mit 58 Sitzen die notwendige Regierungsmehrheit. Blau-Weiß kam auf 33 Sitze. Gantz erhielt am Sonntag die Empfehlungen von 61 Abgeordneten, dies gilt jedoch nicht unbedingt als Basis für eine Regierungsbildung. Denn der Ex-Militärchef lehnt eine Aufnahme der Vereinigten Arabischen Liste, mit 15 Sitzen drittstärkste Kraft, in eine Koalition ab.

Netanjahu bekräftigte am Sonntag einen Aufruf zur Bildung einer Notstandsregierung mit Blau-Weiß, mit einer Rotation im Amt des Ministerpräsidenten. Als Grund nannte er die Ausbreitung des Coronavirus.

Gantz hatte sich schon grundsätzlich zur Bildung einer Notstandsregierung bereiterklärt, zweifelte jedoch Netanjahus Ernsthaftigkeit an. Bislang war er auch wegen einer Korruptionsanklage gegen den Regierungschef nicht zu einem Bündnis mit der Likud-Partei bereit gewesen, solange Netanjahu an der Spitze steht. Der eigentlich für Dienstag angesetzte Beginn des Korruptionsprozesses gegen den 70-jährigen Netanjahu ist nun wegen der Coronakrise um zwei Monate verschoben worden.

Netanjahu war seit 2009 durchgängig im Amt, auch von 1996 bis 1999 war er Israels Ministerpräsident. Seit mehr als einem Jahr regiert er Israel an der Spitze einer Übergangsregierung.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen