Navid Kermani im Interview: „2015, das war der Einbruch der Wirklichkeit in Deutschland“

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 Navid Kermani beim Literatur-Festivals Lit.Cologne in Köln. Am 12. April kommt Kermani nach Weingarten.
Navid Kermani beim Literatur-Festivals Lit.Cologne in Köln. Am 12. April kommt Kermani nach Weingarten. (Foto: Henning Kaiser)
Redakteur Politik

Navid Kermani ist ein Intellektueller, der sich einmischt – auch und gerade zu Themen, die Deutschland spalten. Am Freitag, 12. April, kommt er zu einer Lesung nach Weingarten. Mit Sebastian Heinrich sprach er über seine Dankbarkeit gegenüber Deutschland – und Strategien gegen Nationalismus.

Herr Kermani, knapp fünf Jahre ist es her, dass Sie im Bundestag in einer vielbeachteten Rede dem demokratischen Deutschland gehuldigt haben – zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes. Sie schlossen die Rede mit „Danke, Deutschland.“ Fiele ihr „Danke“ heute genauso kraftvoll aus?

Ja, der Dank gilt ja dem politischen Gemeinwesen und ist nicht an tagespolitische Ereignisse gebunden. Das „Danke“ wäre ein bisschen sorgenvoller heute – vor allem wegen der Ereignisse um uns herum in Europa. Trotzdem darf man dankbar sein, in Deutschland zu leben. Gerade aus dieser Dankbarkeit muss aber auch der Einsatz dafür folgen, dieses Gemeinwesen zu bewahren und zu entwickeln. Dazu gehört auch die Kritik an dem, was noch nicht so gut läuft. Dankbarkeit ohne diesen kritischen Blick wäre weder im Sinne der Väter des Grundgesetzes – noch wäre sie hilfreich.

In den fünf Jahren seit Ihrer Rede ist viel passiert: der Aufstieg von Pegida, die sogenannte Flüchtlingskrise, der Brexit, die Wahl Donald Trumps: Viele Menschen haben den Eindruck, da ist etwas ins Wanken geraten. Sie auch?

Ja, das geht ja jedem so, der die politischen Entwicklungen sieht. Ich glaube, viele haben den Eindruck, da braut sich etwas zusammen. Im 20. Jahrhundert gab es immer wieder politische Konstellationen, die im Nachhinein auf eine Katastrophe hinausliefen – ohne, dass die Zeitgenossen die Bedrohung währenddessen schon fassen konnten. Das macht diese Unruhe aus: Dass aus dieser Gemengelage, aus wachsendem Rechtspopulismus, Trump, Flüchtlingskrise, Terrorismus, Klimawandel und so weiter etwas entsteht, das die liberale Ordnung zerstören könnte. Aus der Geschichte lernt man aber auch, dass es immer wieder solche Gefahrenlagen gab, ohne dass etwas ganz Dramatisches passiert ist. Denken Sie an die Kubakrise. In den frühen 1980er-Jahren hatten wir ebenfalls das Gefühl, der Atomkrieg stehe unmittelbar bevor. Ja, man muss die aktuelle Bedrohung analysieren, man muss der Entwicklung entgegentreten. Aber man darf auch hoffen, dass das Gewitter sich nicht als ein Sturm entlädt, der alles hinwegfegt. Wobei anderswo, im Nahen Osten, ja aktuell gerade die Katastrophe geschieht, Staatenzerfall, Kriege und so weiter, und vielleicht bleiben nur wir verschont.

Ein Themenfeld bestimmt die politische Debatte seit Jahren, auch Sie äußern sich immer wieder dazu: Migration und Integration, der Kampf um Identität und die Angst vor ihrem Verlust. Haben Sie den Eindruck, wir drehen uns in Deutschland bei diesen Diskussionen im Kreis – oder kommen wir voran?

In der Debatte drehen wir uns im Kreis, seit 15 Jahren werden dieselben Argumente gedreht und gewendet. Aber die gesellschaftliche Entwicklung hat sich verändert – durch den Zuzug der Flüchtlinge seit dem Herbst 2015, durch Eruptionen wie die Kölner Silvesternacht und einfach dadurch, dass jetzt auch in ländlichen Regionen fast überall Menschen aus Krisenländern leben. Das klappt mal besser, mal schlechter – aber diese Realität ist in Deutschland angekommen. Es gab sie vorher schon an den Grenzen Europas. 2015, das war der Einbruch der Wirklichkeit in Deutschland, bis in die Klassenzimmer, bis in die blockierten Turnhallen und bis zur Sorge vieler Bürger. Es ist eine Veränderung der eigenen, unmittelbaren Realität. Und Veränderungen bewirken immer Ängste. Wohin das steuert, kann noch keiner sagen.

Ende Mai dürfen hunderte Millionen Europäer ein neues Europäisches Parlament wählen. 2014 hatten Sie kritisiert, dass diese Wahl in Deutschland geringgeschätzt werde. Was erhoffen Sie sich diesmal vom Europawahlkampf?

Vor allem eine Mobilisierung, dass also diejenigen, denen Europa ein Anliegen ist, wirklich zur Wahl gehen. Das Problem ist ja nicht, dass die Gegner Europas die Mehrheit bilden – sondern, dass die Anhänger zu passiv sind. Ich wünsche mir, dass diejenigen zur Wahl gehen, die die Gefahren sehen, die der Rückfall in den Chauvinismus bedeutet. Auch aus Eigeninteresse. Das nationale „Wir zuerst“ wird den Briten, den Italienern, den Amerikaner mittelfristig am meisten selbst schaden, wirtschaftlich wie politisch. Nicht nur die Freiheiten, an die sie sich gewöhnt haben, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit, sind dadurch unmittelbar bedroht, ebenso Wohlstand, Stabilität und Sicherheit. Es geht also nicht nur um hehre Ideale, sondern es ist eine Frage des Eigeninteresses, für dieses Europa einzutreten. Wir können ja keine der großen politischen Fragen mehr in den nationalen Gemeinwesen lösen. Ich glaube, das sehen viele Leute. Aber in den vergangenen Jahren ist zu wenig getan worden für die Mobilisierung dieser Menschen – abgesehen von Frankreich, wo bei der Präsidentschaftswahl 2017 gerade junge Menschen mit diesem Thema angesprochen worden sind.

Es scheint sich etwas zu bewegen, als Reaktion auf die Fliehkraft in Europa in Richtung Nationalismus. Jüngst haben die Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck sich etwa für eine „föderale europäische Republik“ ausgesprochen. Ist dieses offensive Werben für mehr europäische Integration die richtige Reaktion auf Nationalisten – oder birgt es das Risiko, Menschen zu verschrecken?

Ich glaube, man wirbt ja gerade offensiv für ein stärkeres Europa, indem auf die Defizite des aktuellen Europa hinweist. Was Europa am meisten bedroht ist, sich zufrieden zu geben mit dem Status Quo. Denn der macht viele Menschen unzufrieden. Es gibt auch ganz natürliche Gründe für eine Europaskepsis. Viele Menschen sehen die Vorteile Europas nicht. Es gelingt Europa nicht, eine kongruente Außenpolitik, eine kongruente Wirtschaftspolitik, eine kongruente Flüchtlingspolitik zu gestalten. Die demokratische Legitimierung ist nicht ausreichend. In der Finanzkrise wurden die Entscheidungen, die das griechische Volk unmittelbar betrafen ja im Wesentlichen nicht von den gewählten griechischen Vertretern getroffen, sondern von Frau Merkel und dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Und das nicht einmal in den dafür vorgesehenen Treffen des Ministerrats – sondern in bilateralen Vorgesprächen. Selbst wenn die Entscheidungen selbst richtig oder vielleicht auch unabweislich gewesen sein sollten – eine solche Entmündigung macht viele Menschen wütend und sie sagen, wir wollen die Kontrolle zurück. Diese Vorbehalte muss man ernstnehmen. Die große soziale Ungleichheit gehört auch dazu: Stellen Sie sich eine Bundesrepublik Deutschland ohne Länderfinanzausgleich vor – in der ein Lehrer in Bayern weniger verdienen würde als ein Arbeitsloser in Bremen. Solche Unterschiede haben wir in Europa. Und das sprengt ein Gemeinwesen. Europa muss gewisse Dinge leisten können. Und über die muss auf europäischer Ebene entschieden werden. Andere Entscheidungen müssen vor Ort getroffen werden. Es geht überhaupt nicht darum, kulturelle, sprachliche Eigenheiten auszuradieren. Wir brauchen keinen europäischen Superstaat, der alles gleichmacht, eine Art liberale Sowjetunion. Im Gegenteil: Wir müssen einen Modus schaffen, der diese Eigenheiten bewahrt. Und das könnte dann tatsächlich eine dezidiert föderale, dem Prinzip der Subsidarität verpflichtete europäische Republik sein, wie sie übrigens schon den Vätern des Grundgesetzes als Vision vor Augen stand.

Ich komme zum Ende wieder auf Ihre Rede 2014 im Bundestag zurück. Sie haben damals einen Wunsch ausgesprochen: Dass das Grundrecht auf Asyl bis 2019 wieder in seiner ursprünglichen Form hergestellt werde. Das ist ein frommer Wunsch geblieben. Was würden Sie sich heute wünschen, für das Europa des Jahres 2024?

Dass man bis dahin den Mut haben wird, dieses europäische Projekt neu zu gründen. Und zwar so, dass es den berechtigten Bedenken Rechnung trägt: ein sozialeres, demokratischeres Europa, das wäre mein Wunsch. Das Ziel muss aus meiner Sicht sein, dass unsere Generation – die dieses Europa, dieses erfolgreichste politische Projekt aller Zeiten auf diesem Kontinent, von den Eltern und Großeltern geschenkt bekommen hat – wenigstens in der Lage ist, es für die nächste Generation zu bewahren. Damit die es dann weiterentwickeln kann. Dann wäre schon viel gewonnen.

Navid Kermani in Weingarten

Navid Kermani, 1967 als Sohn iranischer Eltern im westfälischen Siegen geboren, ist Schriftsteller, Publizist – und habilitierter Orientalist. Kermani wurde für seine Arbeit mit mehreren renommierten Kultur- und Literaturpreisen ausgezeichnet. 2015 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Am 12. April wird Kermani ab 20 Uhr in Weingarten in der Aula der Pädagogischen Hochschule aus „Entlang den Gräben“ lesen. Das 2018 erschienene Buch beschreibt Reisen Kermanis durch das östliche Europa bis in den Iran. Anschließend wird Schwäbische-Politikredakteur Sebastian Heinrich mit Kermani über die zentralen Themen des Buchs diskutieren.

Der Eintritt zur Veranstaltung ist kostenlos, organisiert wird sie vom Landratsamt Ravensburg mit mehreren Projektpartnern. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

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