Nach Spahn-Vorschlag: Neue Debatte um Organspende

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Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender auf ein Rekordtief gesunken.
Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender auf ein Rekordtief gesunken. (Foto: dpa)
Politikredakteur/Assistent der Chefredaktion

Ein kontroverses Thema ist zurück im Bundestag. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will über die Widerspruchslösung für Organspenden debattieren. Sie bedeutet: Jeder Mensch ist automatisch Organspender, solange er oder ein Angehöriger nicht widerspricht. Bisher sind Entnahmen in Deutschland nur möglich, wenn jemand ausdrücklich zustimmt.

Mit der Widerspruchslösung will Spahn einen massiven Missstand beheben. 10 000 Menschen warten hierzulande nach Angaben des Ministeriums auf ein Spenderorgan. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Organspender auf den Negativrekord von 797 gefallen. „Angesichts unserer Einwohnerzahl ist das sehr wenig“, sagte Spahn am Montag in Lindau nach einem Treffen mit seinen Amtskollegen aus Luxemburg, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein. „Ich halte die Debatte daher für dringend notwendig.“

Dass eine Widerspruchslösung unterschiedliche Ergebnisse bringt, zeigt der Vergleich von Luxemburg und Österreich. In der Alpenrepublik ist die Zahl der Organspender seit Einführung der Widerspruchslösung Anfang der 2000er-Jahre kontinuierlich gestiegen, erklärte Beate Hartinger-Klein (FPÖ), Gesundheitsministerin Österreichs, am Montag. „Im vergangenen Jahr hatten wir 206 Spender, im Schnitt wurden 3,5 Organe entnommen.“

Auf den ersten Blick scheint dies wenig. Aber: Rechnet man dies auf die Einwohnerzahl Deutschlands hoch, müssten es hierzulande über 2000 Spender gewesen sein.

In Österreich sei es laut Hartinger-Klein eine „Frage der Information“ gewesen, Scheu und Ängste bezüglich der Organspende bei den Bürgern abzubauen. „Das ist ein Prozess über Jahre gewesen. Jetzt ist es selbstverständlich geworden.“

Diskussionen mit Angehörigen

Diese Entwicklung kann Jean-Claude Schmit, Direktor des luxemburgischen Gesundheitsamts, trotz Widerspruchslösung nicht beobachten. „Wir sind bei den Spenden trotzdem auf einem relativ niedrigen Niveau“, sagte Schmit.

Vor einer möglichen Organentnahme gebe es häufig immer noch Diskussionen mit den Angehörigen der potenziellen Spender. „Die Ärzte haben immer noch die Tendenz, die Familie zu fragen, auch wenn kein Widerspruch vorliegt.“ Seine Lösung: Die Entscheidung müsse in der elektronischen Patientenakte dokumentiert sein. „Dann gibt es keine Diskussionen mehr.“

Parallel zur Debatte um die Widerspruchslösung will Spahn die entsprechenden Kliniken finanziell besser ausstatten und Transplantationsbeauftragte durch „mehr Zeit und mehr Geld“ stärken. Für Krankenhäuser sind Organentnahmen teuer, weswegen einige Kliniken davor zurückschrecken. Der Aufwand einer Transplantation sei „momentan finanziell nicht so abgebildet, wie es sein sollte. Das heißt: Ein Krankenhaus wird oft auch bestraft, wenn es sich um das Thema kümmert“, sagte Spahn. Die Bundesregierung wolle dies ändern, indem Transplantationsbeauftragte freigestellt und finanziert werden und durch eine bessere Vergütung von Organentnahmen.

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