Nach dem Protest der Hebammen ist die Zukunft weiter ungewiss

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 Hebammen protestierten 2014 auch in Ravensburg.
Hebammen protestierten 2014 auch in Ravensburg. (Foto: Roland Rasemann)
Schwäbische Zeitung
Ravensburg

Sie fürchteten das Aus für ihren Berufsstand: Tausende Hebammen haben 2014 deutschlandweit demonstriert, unter anderem in Ravensburg, Stuttgart und Karlsruhe. Grund waren die explodierenden Kosten für eine Haftpflichtversicherung. Die Hebammen bekamen damals viel Zuspruch, Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) nahm sich des Themas an – doch für viele Hebammen ist die finanzielle Lage noch immer prekär.

Es hat sich einiges getan seit dem öffentlichen Protest. Das düsterste Szenario hat sich nicht bewahrheitet – dass womöglich bald kein Anbieter mehr bereit sein könnte, Hebammen zu versichern. Hintergrund: Kommt es bei der Geburt zu Fehlern, sprechen Gerichte den Eltern Entschädigungen in Millionenhöhe zu, etwa bei Hirnschäden, wenn das Kind zu lange ohne Sauerstoff war. Nun gibt es noch eine einzige Versicherung für Hebammen, getragen von einem Konsortium mehrerer Konzerne.

Doch die Kosten dafür steigen weiter. 2014 konnte sich eine in Vollzeit tätige, freiberufliche Hebamme noch für rund 5000Euro im Jahr versichern, wenn sie auch Geburten begleitet. Schon dieser Betrag hat dazu geführt, dass viele von ihnen sich nur noch auf Vor- und Nachsorge beschränken. Ab Juli 2016 soll der Betrag auf mehr als 6800Euro steigen, ein Jahr später auf 7600Euro. Eine freiberufliche Hebamme mit einer Hausgeburt verdient maximal 674,80Euro – Nachtzuschläge eingerechnet. Im Kreißsaal sind es sogar nur 272 Euro.

Um die Versicherung erschwinglich zu halten, hat das Gesundheitsministerium im Herbst 2015 einen sogenannten Sicherstellungszuschlag eingeführt. Hebammen können sich damit einen Großteil der Versicherungskosten erstatten lassen – theoretisch. „Wir kennen keine einzige Hebamme, die diesen Zuschlag erhalten hat“, erklärt Katharina Jeschke, Präsidiumsmitglied des Deutschen Hebammenverbands (DHV). Die Tücke liegt im Detail.

Weil sich Hebammenverband und Krankenkassen nicht einigen konnten, hat eine Schiedsstelle die genauen Kriterien festgelegt – und die wirken sich nach Ansicht des DHV verheerend aus. „Gerade die, die es brauchen, bekommen den Sicherstellungszuschlag nicht“, kritisiert Marianne Dirks, Ravensburger Kreisvorsitzende des Hebammenverbands. Sie sieht zwei Probleme: Erstens müsse eine Hebamme im jeden Quartal mindestens eine Geburt begleiten, um den Zuschlag zu bekommen. Das ist aber gerade für Freiberuflerinnen, die teils kaum auf mehr als zehn Geburten im Jahr kommen, schwer planbar.

Zweitens müsse eine werdende Mutter schon dann zum Arzt gehen, wenn das Kind drei Tage nach dem errechneten Termin noch nicht geboren sei. Der schicke die Frauen dann meist ins Krankenhaus, wodurch den Geburtshelferinnen ihr Verdienst entgeht. Und die Vorgabe, in jedem Quartal eine Geburt abzurechnen, wird noch schwieriger.

Seit 2016 gilt eine weitere Regel, die den Freiberuflerinnen helfen soll: Der Bund verbietet Kranken- und Pflegekassen, Hebammen für „einfache Fahrlässigkeit“ in Regress zu nehmen. „Das kann dazu beitragen, die Versicherungsprämien langfristig zu stabilisieren“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Der DHV rechnet damit, dass die Höhe der Schadenersatzforderungen allenfalls um ein Viertel sinkt. Schließlich fordern nicht nur die Krankenkassen Geld für die Therapie von Kindern mit Geburtsschäden. Auch ein womöglich nötiger behindertengerechter Umbau der Wohnung kann teuer werden, vor allem aber Regressforderungen der Rentenkasse.

All das hat Folgen für werdende Mütter: Sie finden oft nur noch mit Mühe eine Hebamme. „Früher haben die Frauen aus dem Krankenhaus angerufen, um sich für die Wochenbettbetreuung anzumelden“, berichtet Dirks. „Jetzt melden sie sich schon zwischen der zehnten und zwanzigsten Schwangerschaftswoche.“ Die jungen Frauen haben Angst, sonst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ganz ohne Hilfe dazustehen.

Im Dezember hat der DHV Klage eingereicht. Nun muss das Berliner Sozialgericht entscheiden.

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