Nach dem Grauen dröhnt die Frage nach dem Warum

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Menschen stehen vor einem der Lokale am Kiepenkerl, kurz nachdem ein Fahrzeug in das Straßencafé gefahren war.
Menschen stehen vor einem der Lokale am Kiepenkerl, kurz nachdem ein Fahrzeug in das Straßencafé gefahren war. (Foto: dpa)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Am Samstag, dem ersten schönen, warmen, sonnigen Frühlingstag, ist die historische Altstadt von Münster voller Leben. Viele Menschen sitzen in den Straßencafés und ruhen sich vom Einkaufen oder von einer Besichtigungstour aus. Vielleicht treffen sie sich mit Freunden. Oder sie genießen nach dem langen, grauen Winter die Sonne? Um 15.27 Uhr stellt sich für die etwa 100 Gäste, die zwischen den Traditionslokalen Kleiner Kiepenkerl und Großer Kiepenkerl sitzen, das Leben auf den Kopf: Mit seinem silbergrauen Campingbus rast der 48-jährige Jens R. durch die Innenstadt. Vorbei am Rathaus, in dem 1648 der Westfälische Frieden geschlossen wurde, lässt er die Lambertikirche hinter sich. Auf Höhe des Lokals lenkt er mit voller Absicht sein Fahrzeug in die Menschen, die auf der Restaurant-Terrasse sitzen: Zwei Gäste, eine 51-jährige Frau und ein 65-jähriger Mann, sind sofort tot. Dann nimmt Jens R. eine Pistole und erschießt sich selbst. Als nur eine Minute nach dem Anschlag der erste Streifenwagen der Polizei eintrifft, ringen sechs Schwerverletzte mit dem Tod, 20 weitere Opfer sind leicht verletzt.

Einzelgänger und Einzeltäter

Bei dem Täter handelt es sich um einen der Polizei bekannten, psychisch auffälligen 48-Jährigen. Einen Deutschen. Einen Industrie-Designer aus Münster. Einen Einzeltäter. Einen Einzelgänger, der seinen Nachbarn den Suizid angekündigt hat: Das alles stellt sich aber erst nach und nach heraus. Unmittelbar nach dem Anschlag ist völlig unklar, aus welcher Motivlage heraus aus einem strahlenden Samstagnachmittag eine der dunkelsten Stunden der Stadt geworden ist.

Kurz vor dem Katholikentag

Münster, die boomende Universitätsstadt im Herzen Westfalens, bezeichnet sich gerne als „Stadt des Westfälischen Friedens“. Gemeint ist nicht nur jener Friedensvertrag, der 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendete. Vielmehr haben sich in der gut 310 000 Einwohner und 60 000 Studenten zählenden Stadt neben der Universität viele Initiativen angesiedelt, die Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen wollen. Münster erinnert in vielen Aspekten an Deutschlands Ökohauptstadt Freiburg im Breisgau. Das Bistum Münster ist Vorreiter in der katholischen Welt, wenn es um Umweltfragen geht. Und im kommenden Monat soll in Münster der Katholikentag stattfinden. Das Motto des Katholikentreffens: „Suche Frieden“.

Doch mit diesem Samstagnachmittag endet der Frieden. Jedenfalls vorerst. Die Bilder von den Kiepenkerl-Terrassen, die um die Welt gehen, erinnern an die blutigen Anschläge von Berlin oder Nizza. Menschen liegen auf dem Boden oder flüchten vom Tatort. Augenzeugen weinen und nehmen sich in den Arm. Inmitten der umgestürzten Stühle steht der Campingbus. „Wir waren auf dem Weg zu Aasee“, erzählt eine Studentin später, „auf einmal kamen schreiende Menschen angerannt und reifen: ,Weg, weg, da ist einer in Menschen gerast, das ist Terror’.“

Terrorgefahr: Allein das Stichwort löst einen Großeinsatz aus. Die Polizei, die wegen einer angemeldeten Kurden-Demonstration mit starken Kräften präsent ist, sperrt die Innenstadt sofort weiträumig ab. Aus dem ganzen Land werden Hundertschaften zusammengezogen. Da unklar ist, ob es sich um einen Terroranschlag handelt, wird auch die Spezialeinheit GSG 9 alarmiert. Augenzeugen wollen zwei flüchtende, möglicherweise weitere Täter gesehen haben: „Augenzeugenberichte sind gerade in solchen Situationen sehr mit Vorsicht zu genießen“, erklärt ein Polizeisprecher. Die Passanten verlassen die sonst so lebhaften kleinen Gassen rund um den Dom. Von nun an herrscht eine merkwürdige Stille, nur unterbrochen durch die Martinshörner der Einsatzwagen und den Lärm der in der Nähe startenden und landenden Rettungshubschrauber.

Zeitgleich schalten die Krankenhäuser in den Krisenmodus. In der Universitätsklinik kommen 250 Ärzte, Pfleger und Schwestern aus ihrem freien Wochenende. Sie kämpfen um das Leben der vier Schwerstverletzten. Vor der Blutspendestelle bilden sich Schlangen Freiwilliger, die über Twitter angesprochen wurden. Und es gibt die kleinen, aber wirksamen Zeichen der Solidarität: Der Gastwirt Massimo Ciliberto kann an diesem Abend keine Gäste begrüßen, sein Lokal liegt in der Sperrzone. Aber er spendiert Pizzen, Getränke, verteilt Kaffee: „Wir lassen uns nicht unterkriegen.“

In den Räumen des in unmittelbarer Nähe zum Tatort gelegenen Doms richten Sanitäter eine Verletztensammelstelle ein. Humpelnd kommt ein Opfer in die Sakristei. Am liebsten möchte die etwa 50-Jährige direkt nach Hause. Doch die Sanitäter untersuchen sie. Und fragen: Wer braucht ärztliche Hilfe? Wer braucht Seelsorger? Weihbischof Stefan Zekorn, der als einer der ersten Priester im Dom eintrifft, bietet Gespräche an. Und er ist nicht alleine: „Rein zufällig waren Notfallseelsorger aus Paderborn auf ihrem Jahresausflug hier in Münster“, berichtet Zekorn, „die Seelsorger haben direkt die Lage aufgenommen und ihre Kollegen unterstützt.“

Häuser werden evakuiert

Vom Tatort erreichen verstörende Bilder die Welt, verbreitet über soziale Netzwerke, aufgenommen durch Anwohner. Der Campingbus steht seit Stunden vor dem Großen Kiepenkerl. Die Polizisten, so berichtet Sprecherin Angela Lüttmann, haben Objekte und Drähte im Fahrzeug entdeckt, die sie nicht zuordnen können. Hatte Jens R. seinen Campingbus zu einer rollenden Zeitbombe ausgebaut? Im Umkreis von 150 Metern werden die Häuser evakuiert, alle Bewohner müssen ihre Wohnungen verlassen. Im Stadttheater – die Vorstellungen sind ohnehin abgesagt – kümmern sich DRK und Feuerwehr um die Menschen. Erst nachts um ein Uhr, nachdem ein ferngesteuerter Roboter das Objekt gesichert hat, wird die Evakuierung aufgehoben. Auch wird klar: Es gibt keine Mittäter.

Langsam stellt sich heraus, dass die Tat weder terroristisch noch islamistisch motiviert war. Es spreche „im Moment nichts dafür, dass es irgendeinen politischen Hintergrund gibt“, sagt der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) am Abend. Noch während Reul mit den mittlerweile 100 Journalisten spricht, durchsuchen Polizeibeamte die nahe gelegene Wohnung des Täters. Sie finden eine unbrauchbar gemachte Waffe, dazu ein paar polnische Böller. Und sie sprechen mit Nachbarn, die davon berichten, dass Jens R. sich nach einem Unfall vor ein paar Jahren verändert habe. Er sei ein Streithansel, der in letzter Zeit viel mit dem Campingbus unterwegs gewesen sei. Vier Wohnungen, mehrere Fahrzeuge, einen Container nehmen sich die Ermittler in der Nacht vor und kommen zu dem Schluss: Verfahren wegen Bedrohung, Unfallflucht, Betruges und Sachbeschädigung habe es gegeben, sie seien eingestellt worden. Daher habe es „keine Anhaltspunkte auf eine stärkere kriminelle Intensität“ gegeben, sagt am Sonntagmorgen die Leitende Oberstaatsanwältin, Elke Adomeit. Vielmehr werde davon ausgegangen, „dass die Motive in dem Täter selber liegen“, ergänzt Münsters Polizeipräsident Hajo Kuhlisch.

Der Sonntag nach dem Anschlag ist in Münster der Tag, an dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und Landesinnenminister Herbert Reul (beide CDU) Blumen am Tatort niederlegen. Laschet kündigt an, die Opferschutzbeauftragte Elisabeth Auchter-Mainz werde nach Münster kommen, um vor Ort „für jede einzelne Familie“ zur Verfügung zu stehen. Dem Landesvater ist anzumerken, wie sehr ihn die Mordattacke persönlich anfasst: „Ich habe selbst schon häufig auf der Kiepenkerl-Terrasse gesessen.“ Und er fügt hinzu: „Wir wollen auch weiterhin draußen sitzen und das Leben genießen.“ Es gebe keinen absoluten Schutz, hat zuvor Seehofer betont.

Poller für mehr Sicherheit?

Seehofer und Laschet werden in den kommenden Tagen und Wochen mühsame Diskussionen führen müssen. Noch am Tatort stellen sich Passanten die Frage, ob Poller, wie sie in Frankreich üblich sind, den Anschlag hätten verhindern können. Ganz konkret geht es in Münster um ein Großereignis, zu dem mehr als 40 000 Teilnehmer erwartet werden: den Katholikentag im Mai. Der Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe wird zusammen mit den Organisatoren des Katholikentreffens das Sicherheitskonzept erneut prüfen: „Es ist sehr, sehr ausgefeilt“, sagt Weihbischof Stefan Zekorn, „aber nach dem heutigen Tag ist klar: Es muss auf den Prüfstand.“ Ob in Münster der Katholikentag in friedlicher Stimmung gefeiert werden kann, darf bezweifelt werden. „Solange wir leben, werden wir Antworten auf Frieden suchen“, predigt ein Priester am Sonntagmorgen im Dom und weiß: Angesichts der Verletzungen, der Toten, der unklaren Hintergründe und der Traumata nach dem Anschlag steht diese Suche erst ganz am Anfang.

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