Mit einer Frauenquote wollen die katholischen Bischöfe das System der Männerkirche knacken

Lesedauer: 6 Min
Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, geht vorbei an Frauen der katholischen Frauengemeinschaft
Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, geht vorbei an Frauen der katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), die beim Eröffnungsgottesdienst der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz demonstrieren. (Foto: dpa)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Eine Quote von mindestens 30 Prozent Frauen in den Leitungsfunktionen der katholischen Kirche wollen sich die deutschen katholischen Bischöfe verordnen und bis 2024 erreichen. Erst mit einem Drittel Frauen in Leitungspositionen sei die „kritische Masse erreicht und ändert sich tatsächlich etwas in den Systemen“, sagte der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode am Rande der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen bei der Vorstellung einer Studie zu Frauen in Leitungspositionen. Noch bis zum Donnerstag tagen die 66 Oberhirten im Emsland. Neben der Frage nach der Stärkung der Frauen beschäftigen sie sich vor allem mit den Folgen des weltweiten Missbrauchsskandals.

Den Bischöfen bläst in diesen Tagen der Wind ins Gesicht – nicht nur der an der Küste stetige Nordwind. Der massive Vertrauensverlust in die katholische Kirche, praktisch kein Tag ohne Nachrichten über neue Missbrauchsfälle, Diskussionen um Kirchensteuern, Kritik am Papst: Die Liste ließe sich fast beliebig verlängern. Entsprechend gedrückt, ja rat- und hilflos ist die Stimmung in der Vollversammlung, wie Teilnehmer berichten. Der fast schon routinemäßig angekündigte Dialog sieht anders aus: Denn die Oberhirten lassen sogar die eigenen Mitarbeiter, etwa 50 Priester und Gemeindereferenten, die vor dem Tagungshaus friedlich betend demonstrieren und den Journalisten von ihrer Scham angesichts des Skandals berichten, im kalten emsländischen Regen stehen. Nur die Bischöfe Franz-Josef Bode, Georg Bätzing und Peter Kohlgraf beten mit.

Bei der Frauenquote aber wollen die Bischöfe den Druck im eigenen System erhöhen: Von 2013 bis 2018 hat sich deutschlandweit der Frauenanteil in Leitungspositionen der Kirche von 13 auf 19 Prozent erhöht, auf der mittleren Ebene von 19 auf 23 Prozent. Aber: Je höher die Leitungsebene, desto niedriger ist der Frauenanteil. Häufig wird der Bereich Pastoral von Klerikern und von Frauen geleitet. Darüber hinaus sind relativ viele Frauen im Bereich des Rechts leitend tätig. In den Bereichen Schule/Hochschule und Caritas finden sich sowohl Frauen als auch männliche Laien und Kleriker in leitenden Funktionen. Diese Zahl sei „bei Weitem nicht zufriedenstellend“, sagt der Osnabrücker Bischof und Gastgeber der Konferenz, Franz-Josef Bode: „Eine Steigerung des Frauenanteils auf der obersten Leitungsebene der Diözesen von 13 Prozent auf 19 Prozent innerhalb der letzten fünf Jahre ist nicht nichts, aber längst nicht zufriedenstellend.“

Regional gibt es Unterschiede, der Südwesten ist weit vorne: „Führungsstellen werden als Stellen mit Personal- und Budgetverantwortung definiert“, sagt ein Sprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart und ergänzt: „Eine Gegenüberstellung der Jahre 2016 und 2018 ergab, dass sich der betreffende Frauenanteil in dieser Zeit um 1,8 Prozentpunkte erhöht hatte. Im Sommer 2018 lag er demnach bei 29,4 Prozent.“

Am Ende entscheidet der Papst

Vielen Frauen und Theologinnen reichen diese Zahlen und die Ankündigung der Bischöfe aber nicht aus. So fordern der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) und die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands eine geschlechtergerechte Kirche: „Wichtiger als eine Frauenquote ist es, über das Weiheamt für Frauen nachzudenken“, fordert beispielsweise die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die Biberacherin Karin Walter. Im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“ hatte auch der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, für die Zulassung von Frauen zum Diakoninnenamt plädiert, aber darauf verwiesen, dass nur der Papst diese Frage für die ganze Weltkirche entscheiden könne.

Zurück von der Tradition zur deutschen Kirchenwirklichkeit: Um die angestrebte Quote erreichen zu können, gibt es derzeit viel zu wenige Bewerberinnen auf kirchliche Leitungsämter. Ein besonderes Problem stellt laut Studienleiterin Andrea Qualbrink die Erwartung dar, dass Leitungsstellen in Vollzeit ausgeübt werden müssen.

Notwendig seien neue Modelle mit Leitung in Teilzeit, sogenanntes Top-Sharing. Doch auch diese Antwort greift zu kurz, wenn selbst Bischof Bode fragt: „Wer will sich angesichts des Missbrauchsskandals ,mit Haut und Haaren’ auf eine solche Institution einlassen?“ Eine attraktive Arbeitgeberin sei die Kirche längst nicht mehr.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen