„Mit der Organentnahme greift der Mediziner in den Sterbeprozess ein“

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„Mit der Organentnahme greift der Mediziner in den Sterbeprozess ein“
Schwäbische Zeitung

Alle Erwachsenen in Deutschland sollen ab Sommer Post von ihrer Krankenkasse bekommen. Sie werden damit nach ihrer Bereitschaft zur Organspende gefragt. Dem Schreiben liegt ein Organspendeausweis bei. Alle zwei Jahre soll ein solcher Brief kommen. Franziska Krause vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Freiburg sieht die Regelung kritisch. Mit Krause sprach unser Redakteur Klaus Wieschemeyer.

SZ: Wird mit dem Brief moralischer Druck auf die Menschen ausgeübt?

Franziska Krause: Ja. Derzeit wird uns vermittelt, dass die Mehrheit der Deutschen für Organspenden ist. Mit dem Brief wird eine gesellschaftliche Erwartungshaltung aufgebaut, ebenfalls zu spenden. Doch die erforderliche inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema kann mit dem Brief allein nicht stattfinden. Er verfolgt das Ziel, die Zahl der Organspenden zu erhöhen, fördert aber keine vertiefende Beschäftigung des Einzelnen mit diesem existenziellen Thema.

SZ: Was wäre besser?

Krause: Mehr Aufklärung: Der Tag der Organspende ist dabei sicherlich schon ein erster guter Schritt in Richtung Aufmerksamkeitsförderung. Was aber vor allem noch fehlt, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung, die in einem persönlichen Gespräch erfolgen sollte, zum Beispiel bei der Ausgabe der Krankenversicherungskarte. Das ist aber keine Sache von fünf Minuten, sondern braucht seine Zeit und muss von geschultem Personal begleitet werden.

SZ: Andere Länder haben weitaus höhere Spenderquoten…

Krause: … wie Spanien oder Österreich, in denen die Widerspruchsregelung gilt. Wer nicht ausdrücklich widerspricht, stimmt dabei der Entnahme zu. Ich bin kein Vertreter dieser Regelung, denn sie greift zu tief in einen elementaren Lebensbereich ein ohne Aufklärung zu garantieren. Viele gehen davon aus, dass ein Mensch mehr ist als nur der reine Körper, dass es da mehr gibt – nennen Sie es Seele oder eine Form von Bewusstsein – und da greift die medizinisch definierte Sicht vom Hirntod etwas kurz.

SZ: Sie meinen, dass ein hirntoter Mensch nicht unbedingt tot ist?

Krause: Das Hirntodkriterium wurde von der Harvard Medical School geprägt. Tatsächlich befindet sich der Mensch beim Hirntod noch im Sterbeprozess. Zwar ist der Tod nicht aufzuhalten, aber mit der Organspende greift der Mediziner in diesen Prozess ein. Wenn auf dem Organspendeausweis steht „nach der ärztlichen Feststellung meines Todes“, muss man sich klar machen, dass damit nicht jede Todesvorstellung gemeint ist.

SZ: Trotzdem kann man doch ruhig Herz oder Leber spenden…

Krause: Und mehr. Seit dem überarbeiteten Transplantationsgesetz von 2007 ist auch Gewebe möglich. Von einem Menschen sind in der Regel zwischen 60 und 70 Teile verwertbar: Das reicht von der Hornhaut bis hin zu Knochen, die als Granulat für gebrochene Kiefer verwendet werden. Die Medizin beschäftigt sich vielfach mit der Machbarkeit und blendet die ethische Seite aus. Von unseren Studenten haben die meisten einen Organspendeausweis – aber nur wenige haben sich mit dem Tod beschäftigt und ihre Einstellung zur Organspende im Familien- und Freundeskreis besprochen.

SZ: Muss sich auch die medizinische Ausbildung wandeln?

Dazu gibt es unter anderem unser Institut. Seit dem Wintersemester 2003/2004 sieht die Approbationsordnung für Ärzte die Lehre im Bereich Geschichte, Theorie und Ethik in der Medizin vor und fördert damit ethische Fragestellungen. Und das Interesse ist da: Unsere Angebote werden von den Studenten sehr gut angenommen.

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