Mehr Fluch als Segen

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Aleksandr Koropow auf seinem von Bauarbeiten zerstaðrten Grundstück in Achschtyr bei Sotschi. (Foto: Doris Heimann)
Schwäbische Zeitung
Doris Heimann

Aschot Jailjan lenkt seinen staubigen Jeep über die Serpentinen der Bergstraße. Oberhalb des Dorfes Achschtyr geht es plötzlich nicht weiter. Ein Schlagbaum, zwei Wachsoldaten in Tarnanzügen. Aschot zeigt seinen Pass. „Lasst mich durch, ich wohne dort hinten.“ Der Uniformierte schüttelt den Kopf: „Sicherheitszone.“ Für die Zeit der Olympischen Spiele bleibt Aschot Jailjan (73) aus seinem Haus ausgesperrt. Der alte Mann kann es nicht fassen: „Ich wohne hier seit mehr als 20 Jahren.“ Sein Dorfnachbar Aleksandr Koropow hat ihn bei sich aufgenommen. Doch dem Nachbarn geht es wenig besser. Weil sein Grundstück zu einem neuen Nationalpark gehört, wurde Koropow praktisch enteignet. Entschädigung bekam er keine. „Ich bin jetzt ein Olympia-Penner“, sagt er bitter.

Die Bewohner des Dorfes Achschtyr, das im Mzymta-Tal auf dem Weg zwischen Sotschi und dem Ski-Austragungsort Krasnaja Poljana liegt, zählen zu den vielen Leidtragenden der Olympischen Spiele. Oberhalb von Achschtyr liegt ein riesiger Steinbruch. Tag und Nacht wurde hier Material für die Olympia-Bauten gewonnen. In Achschtyr ist alles grau: die Häuser, die Bäume, der Boden. „Die Lastwagen fuhren Tag und Nacht, man konnte vor Staub und Dreck nicht atmen“, erzählt Aleksandr Koropow.

Für die Dauer der Spiele wurden die Arbeiten im Steinbruch jetzt ausgesetzt – nachdem zahlreiche ausländische Medien über den Alptraum im Dorf berichtet hatten. „Wenn die Journalisten abgezogen sind, wird es weitergehen“, sagt Koropow, „die wollen ja noch den Formel-1-Ring bauen.“

Die Existenz des 54-jährigen Obstbauern ist ruiniert. Früher hat Koropow auf seinem Grundstück Kaki-Früchte, Kiwis und Haselnüsse angebaut. „Von den Einnahmen aus der Ernte konnte ich gut leben“, sagt er. Als Russland den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele bekam, hat er sich noch gefreut. „Man hat mir damals Entschädigung versprochen. Jetzt beginnen die Olympischen Spiele, und ich habe keine Kopeke gesehen.“ Zwei Gerichtsprozesse hat er verloren. Die Obstbäume sind vertrocknet, weil der Autobahnbau ihnen das Wasser abgrub. Sein Grundstück kann er nicht an seinen Sohn vererben – es ist Nationalpark-Gelände.

Vertreter der örtlichen Behörden haben Aleksander Koropow schon darauf angesprochen, dass er zu viel mit ausländischen Journalisten redet. Anderen Aktivisten, die wegen der Umweltschäden oder der Einschränkung von Eigentumsrechten gegen die Olympischen Spiele Front machen, geht es noch schlimmer.

Natalja Kalinowskaja (42) hat jahrelang dagegen gekämpft, dass das Stück Strand bei der Siedlung Wesjoloe zubetoniert wird. Der Strand hier war besonders breit und hatte neben Kieseln auch Sand – eine Seltenheit am Schwarzen Meer. Viele Bewohner von Wesjoloe leben von der Zimmervermietung. Jetzt ist vom Sandstrand nichts mehr zu sehen. Er ist begraben unter einer Promenade mit hässlichem Betondamm. Und Natalja Kalinowskaja hat Wesjoloe verlassen. „Man hat mich massiv unter Druck gesetzt“, erzählt sie, „Ende Dezember kamen Mitarbeiter des Geheimdienstes in meine Wohnung, ich wurde stundenlang mit Drogensüchtigen festgehalten.“ Wenige Tage später floh sie aus Sotschi. In ihr Haus will sie erst zurückkehren, wenn die Olympischen Spiele vorbei sind.

Die Angst der Aktivistin ist nicht übertrieben. Das zeigt das Beispiel des Umweltschützers und Olympia-Kritikers Jewgeni Witischko. Der 40-jährige Geologe engagiert sich seit Jahren in der Bürgerinitiative „Umweltwache im Nordkaukasus“. Im Jahr 2011 hatte er sich mit Aleksandr Tkatschow angelegt, dem mächtigen Gouverneur der Region Krasnodar, zu der auch Sotschi gehört. Tkatschow ist der größte Grundbesitzer und ein wichtiger Verbündeter des Kremls bei der Kontrolle über die Olympia-Milliarden. Weil Witischko mit seinen Anhängern dagegen protestierte, dass sich der Gouverneur ein schönes Stück Strand zu seiner Datscha einverleibte, wurde der Öko-Aktivist zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Im Dezember 2013 aber wandelte ein Gericht die Bewährungsstrafe in drei Jahre Lagerhaft um – Jewgeni Witischko hatte angeblich gegen die Bewährungsauflagen verstoßen.

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