Massenmord aus der Ich-Perspektive: Das rechtsextreme Attentat in Neuseeland erschüttert die Welt

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Blutige Verbandmittel liegen nach dem Attentat auf dem Boden in der Nähe der Masjid-Al-Nur-Moschee im neuseeländischen Christchu
Blutige Verbandmittel liegen nach dem Attentat auf dem Boden in der Nähe der Masjid-Al-Nur-Moschee im neuseeländischen Christchurch. Alleine hier hat der Attentäter 41 Menschen ermordet. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Christoph Sator und Jule Scherer

Die Al-Nur-Moschee von Christchurch ist kein Gebäude, das besonders auffällt. Ein eher zweckmäßiger Bau in Weiß, direkt an einem Park, mit goldener Kuppel und Minarett und großem Parkplatz davor. Auch wenn Muslime in Neuseeland sehr in der Minderheit sind: An die Moschee in der Deans Avenue, einer ruhigen Straße, hat man sich in der 350 000-Einwohner-Stadt des Pazifikstaats schon lange gewöhnt.

An diesem Freitag jedoch, kurz vor 13.45 Uhr, die Gemeinde ist zum üblichen Freitagsgebet versammelt, mehr als 300 Leute, marschiert ein schwer bewaffneter Mann in das Gotteshaus – ein Weißer, markantes Gesicht, kurzes Haar. Später wird bekannt, dass er aus Australien kommt und 28 Jahre alt ist. Auf dem Helm hat er eine Kamera, die alles filmt, was er tut, und live ins Internet überträgt. Es deutet alles darauf hin, dass die Aufnahmen authentisch sind – auch wenn sich die Polizei dazu bislang nicht äußerte.

Grausame Inszenierung

In den Händen hält der Mann eine Schnellfeuerwaffe. Um den Leib hat er sich eine kugelsichere Weste geschnallt. Die Fingerkuppen der Handschuhe hat er abgeschnitten. Dann schießt er los. Auf den Bildern, die auch nach vielen Stunden noch im Internet zu finden sind, hört man zu den Schüssen einen Marsch. Von oben sieht man den Lauf seiner Waffe, alles aus der Ich-Perspektive. Es ist wie eines dieser Ballerspiele. Aber in echt.

Was in den nächsten sechs Minuten geschieht, sollte man lieber nicht beschreiben. Diesen Gefallen muss man einem vielfachen Mörder nicht tun. Fest steht: So etwas wie Normalität wird es in der Al-Nur-Moschee von Christchurch nun sehr lange nicht mehr geben. Auf dem grünen Teppichboden und in den Gängen liegen die Leichen von 41 Menschen. Das letzte Opfer ist eine Frau. Der Mann erschießt sie, als sie schon schwer verletzt im Rinnstein liegt.

Als er wieder in sein Auto steigt, immer noch mit der Helmkamera auf dem Kopf, ist der Marsch vorbei. Im Netz – auf Twitter und einem Online-Diskussionsforum mit vielen rechtsextremen Beiträgen – kursiert ein 74-seitiges „Manifest“, in dem sich mutmaßlich der Täter zu seinen Beweggründen äußert. Der Verfasser betont, eine „Atmosphäre der Angst“ schaffen zu wollen. Sich selbst beschreibt er als jemanden aus der Arbeiterklasse. Das Schreiben nimmt auch auf den norwegischen rechtsextremen Massenmörder Anders Behring Breivik Bezug. Ob das „Manifest“ tatsächlich von dem Australier kommt, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Polizei wollte sich nicht näher äußern.

Für Neuseeland ist dies eine der schlimmsten Gewalttaten der jüngeren Geschichte. Premierministerin Jacinda Ardern spricht von „dunkelsten Tagen“. Über die muslimischen Opfer sagt sie: „Neuseeland war ihre Heimat. Sie hätten sich hier sicher fühlen sollen.“ Sie waren es nicht.

Zumal dann auch noch bekannt wird, dass in einer zweiten Moschee, ein paar Kilometer weiter, sieben weitere Menschen erschossen wurden. Einer stirbt später im Krankenhaus. Wie das zusammenhängt, weiß man auch nach vielen Stunden noch nicht. Fest steht: Drei Verdächtige werden festgenommen – auch der Mann aus der Al-Nur-Moschee. Auf einem Video ist zu sehen, wie ihn Beamte aus seinem Auto zerren, einem weißen Geländewagen, und auf den Boden zwingen. An diesem Samstag soll er wegen vielfachen Mordes einem Richter vorgeführt werden.

Eine Botschaft: Bleibt stark

Australiens Premierminister Scott Morrison bestätigt jedoch, dass es sich um einen Australier handelt. Er nennt ihn einen „rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen“. Neuseelands Regierungschefin Ardern stuft die Tat ebenfalls als „terroristischen Angriff“ ein, gerichtet gegen Andersgläubige. In Neuseeland sind Muslime eine kleine Minderheit: etwa 50 000, viele aus Staaten wie Pakistan oder Bangladesch.

Auf dem Parlamentsgebäude in Wellington, der Hauptstadt, haben sie die Flagge auf halbmast gesetzt. Und auch Neuseelands legendäre Rugby-Nationalmannschaft, die All Blacks, will nicht schweigen. Ihre Botschaft stammt aus der Sprache der Ureinwohner, der Maori: Kia kaha. Bleibt stark.

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