„Man möchte den Fall Nemzow heimlich schließen“

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Die russische Journalistin Schanna Nemzowa lebt zurzeit in Bonn und arbeitet bei der deutschen Welle.
(Foto: pr)
Alexei Makartsev

Am 27. Februar 2015 wurde in Moskau in der Nähe des Kreml der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow erschossen. Der 55-Jährige war ein scharfer Kritiker des Präsidenten Wladimir Putin. Nemzows Tochter Schanna (31) musste später aus Sicherheitsgründen Russland verlassen. Sie spricht im Interview mit Alexei Makartsev über die schleppenden Ermittlungen nach dem Tod ihres Vaters und die Propagandabemühungen der russischen Staatsmedien in Deutschland.

Sind wir nach einem Jahr der Wahrheit nähergekommen, wer Boris Nemzow ermordet hat?

Nein. Ich teile nicht die Ansicht der Ermittler, dass dieses Verbrechen aufgeklärt ist. Ich sehe keine echten Bemühungen, die Täter zu finden, stattdessen möchte man den Fall heimlich schließen. Darum bin ich am 25. Januar vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarates aufgetreten und habe sie gebeten, die Ermittlungen zu beaufsichtigen. Man muss diesen Mord aufklären, damit in Zukunft solche Verbrechen nicht mehr geschehen können.

Wer behindert die Ermittlungen?

Das geschieht mit Billigung der russischen Staatsführung. Schließlich hat Präsident Putin angekündigt, die Aufklärung des Falls Nemzow persönlich kontrollieren zu wollen.

Warum musste Ihr Vater sterben?

Die Ermittler können diese Frage bis heute nicht beantworten. Jedenfalls taugt die Version der tschetschenischen Rache für angeblich anti-muslimische Äußerungen nicht, weil die Planung für das Attentat noch vor dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ begonnen hatte. Zudem hat mein Vater nie den Islam angegriffen. Er hat nur geschrieben, dass der Islam als junge Religion heute dieselbe Entwicklung durchmache wie früher das Christentum, das die Inquisition erlebt habe. Ich will, dass die Ermittler Ramsan Kadyrow (Präsident Tschetscheniens, d. Red.) vernehmen, der immer wieder der Opposition gedroht hat. Doch Putin hat heute kein Interesse daran.

Ihr neues Buch erzählt vom Leben und Tod ihres Vaters und heißt „Russland wachrütteln“. Wird es in Ihrem Heimatland erscheinen?

Der Name geht auf eine Äußerung meines Vaters zurück, der einmal einen Kirchenturm bestieg und die Glocke läutete mit den Worten: „Ich möchte Russland wachrütteln.“ Ich weiß heute nicht, ob das Buch in Russland erscheint, aber zumindest werden Fragmente davon in russischen Zeitungen veröffentlicht.

Spüren Sie heute Unterstützung und Sympathien in Ihrer Heimat?

Ich tue, was ich tue, weil ich das für richtig halte, nicht um Sympathien zu gewinnen. Es freut mich aber, dass die „Volksgedenkstätte“ für meinen Vater in Moskau weiter die Menschen anzieht. Sie bringen Blumen und Kerzen auf diese Insel der Hoffnung. Mein Vater hätte das niemals erwartet.

Was hat sich in der russischen Gesellschaft seit dem Mord an Boris Nemzow verändert?

Nicht viel, außer des gesunkenen Lebensniveaus. Die Menschen verstehen immerhin, dass die derzeitige Wirtschaftskrise nicht so einfach überwunden werden kann wie die früheren. Aber größere Proteste gibt es nicht, und das Ansehen der Machthaber scheint hoch zu sein. Ich glaube allerdings, dass diese Unterstützung vor allem auf verbreiteter gesellschaftlicher Apathie gründet.

Könnten die wirtschaftlichen Sanktionen des Westens dazu führen, dass Putin seinen Kurs ändert?

Nein, denn er will weiter um jeden Preis an der Macht bleiben. Putin hat beschlossen, dass Russland den Weg der demokratischen Entwicklung verlassen muss, darum setzt er auf Repressionen. Die Entscheidung im Kreml für diesen Kurs ist gefallen, es wird sich daran nichts mehr ändern.

Sie arbeiten als Journalistin in Deutschland, was denken Sie über die Propaganda, mit der die russischen Staatsmedien die deutsche Öffentlichkeit aufwiegeln?

Sie ist keine echte Gefahr. Man muss sich nur anschauen, wie viele Menschen sie hier wirklich auf die Straße treibt. Es dürften bislang nur ein paar Tausend gewesen sein. Die Propaganda ist übrigens auch in die andere Richtung wirkungslos. Die Russen sollen heute sehen, wie gefährlich es ist, in Europa zu leben. Doch davon kann man nicht einmal die Anhänger Putins überzeugen, weil die Realität eine andere ist.

Zur Person:

Die Journalistin Schanna Nemzowa arbeitet bei der Deutschen Welle in Bonn. Am 12. Februar erscheint ihr Buch „Russland wachrütteln“ (Ullstein, 200 S., 18,00 Euro).

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