Liegestütze mit Todfeinden

Lesedauer: 5 Min
Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed (Mitte) befriedete auch den Grenzkonflikt mit dem eritreischen Präsidenten Isaias Afwerk
Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed (Mitte) befriedete auch den Grenzkonflikt mit dem eritreischen Präsidenten Isaias Afwerki (2. v. li.) . (Foto: afp)
Philipp Hedemann

Als Abiy Ahmed Ali am 15. August 1976 in der äthiopischen Kleinstadt Beshasha geboren wurde, wurden ihm die Voraussetzungen für religiöse und ethnische Versöhnung des Landes mit in die Wiege gelegt. Sein Vater war Muslim und gehörte der größten äthiopischen Ethnie, den Oromo, an. Seine Mutter war konvertierte orthodoxe Christin und Amharin, Angehörige der zweitgrößten Volksgruppe. 43 Jahre später wird der Sohn des Paares für seinen internationalen Einsatz für den Frieden und die Beilegung des Grenzkonfliktes mit dem Nachbarland Eritrea mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Als Abiy – in Äthiopien werden auch Regierungschefs mit dem Vornamen angesprochen – am 2. April 2018 nach lang anhaltenden Protesten mit vielen Toten überraschend zum Regierungschef ernannt wurde, hätte niemand damit gerechnet, dass der bis dahin weitgehend unbekannte Abiy eineinhalb Jahre später mit der weltweit höchsten Ehre ausgezeichnet werden würde. Doch Abiy – 2008 Mitbegründer eines Internetkontrolldienstes, der die eigenen Bürger überwachte und bis dahin loyaler Funktionär des seit 1991 regierenden repressiven Systems – überraschte Äthiopien, Afrika und die Welt mit einem atemberaubenden Reformtempo.

Der jüngste Regierungschef Afrikas, der nach dem Genozid in Ruanda als UN-Blauhelmsoldat gedient hatte, ließ Tausende von politischen Gefangenen und Journalisten frei, hob den Ausnahmezustand auf, öffnete das Land für ausländische Investoren, besetzte sein Kabinett zur Hälfte mit Frauen, begeistert sein Volk mit einer Rhetorik von Liebe und Versöhnung, spricht sich für Menschenrechte und Demokratie aus – und beendete nach über 18 Jahren den Krieg mit Nachbarland Eritrea. Dem Konflikt waren rund 80 000 Menschen zum Opfer gefallen, Abiy selbst hatte im Krieg als Soldat feindliche Stellungen ausgespäht.

In Äthiopien und Teilen Afrikas brach eine regelrechte Abiy-Mania aus. Vor allem junge Äthiopier verehrten Abiy in einem quasi-religiösen Personen-Kult. Sein freundliches, oft lächelndes Gesicht prangte plötzlich millionenfach auf T-Shirts, Postern und Aufklebern. Abiy, der fließend die äthiopischen Sprachen Oromo, Amharisch und Tigrinya sowie Englisch spricht, war sich nicht zu schade, Selfies mit seinen Fans zu machen. Vor allem zu Beginn seiner Amtszeit lag das Land ihm zu Füßen.

Mehrere Mordversuche

Doch nicht alle liebten den jungen Reformator und Vater von drei Töchtern. Im Juni letzten Jahres entging er in der Hauptstadt Addis Abeba nur knapp einem Anschlag mit einer Handgranate. Zwei Menschen starben, 156 wurden verletzt. Keine vier Monate später stürmten aufgebrachte Soldaten seinen Amtssitz. Der sportliche Abiy beruhigte die Meuterer, indem er mit ihnen Liegestütze machte. Vor allem einigen Angehörigen des Militärs und Anhängern der äußerst repressiven Vorgängerregierung geht der Reformprozess offenbar zu weit und schnell. Im vergangenen Juni scheiterte ein Putschversuch gegen die Regierung in der nördlichen Region Amhara.

In den 558 Tagen, die Abiy regiert, hat die ethnisch motivierte Gewalt in vielen Landesteilen zugenommen, immer wieder kommt es zu Toten, rund eine Million Äthiopier sind so zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. Dass es im Vielvölkerstaat Äthiopien mit mehr als 80 Ethnien und mindestens ebenso vielen Sprachen ausgerechnet jetzt zu tödlichen Ausschreitungen kommt, liegt auch daran, dass sich unter der jahrzehntelangen Herrschaft der Tigray-Minderheit viel Hass und Frustration angestaut haben. Jetzt, da das totalitäre System der Überwachung und Unterdrückung der Entwicklungsdiktatur Äthiopien teilweise zerschlagen ist, entladen diese Konflikte sich oft gewalttätig.

Nur wenn es Abiy Ahmed gelingt, diese Konflikte beizulegen, ohne dass Äthiopien auseinanderbricht und er es schafft, Jobs für die rund 110 Millionen, überwiegend jungen Äthiopier zu schaffen, wird er nicht nur als international gefeierter Friedensnobelpreisträger, sondern auch als erfolgreicher äthiopischer Regierungschef in die Geschichte eingehen.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen