Krim-Krise: Russland ist nicht der Feind

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Alexei Makartsev ist seit September 2013 Online-Chef der Schwäbischen Zeitung. In einem sehr persönlichen Beitrag schildert der (Foto: Scheyer)
Schwäbische Zeitung
Alexei Makartsev
Redakteur

Das Gespräch ließ sich nicht länger aufschieben, also wählte ich diese Nummer in Moskau. Mein Vater ging ans Telefon. Wir redeten über den Frühling im Allgäu und den frischen Schnee, der gerade 2500 Kilometer entfernt von Wangen fiel. Ich erzählte von der Arbeit. Und dann redeten wir über die Krim-Krise, zunächst in Bögen um heikle Themen herum und voller Rücksicht auf die Gefühle des anderen, dann immer leidenschaftlicher. Ich hatte angerufen, weil ich seine Meinung zur Russland-Krise hören wollte, obwohl ich sie natürlich schon kannte.

„Uns geht es bestens“, hörte ich am anderen Ende der Leitung. „Die Menschen sind erleichtert darüber, dass ein Stück russischer Erde endlich in den russischen Mutterleib zurückgekehrt ist. Putin hat dazu eine glänzende Rede gehalten, im Saal haben sogar manche vor Freude geweint.“ Ich solle mich nicht von der einseitigen Berichterstattung in den westlichen Medien täuschen lassen, wünschte sich zum Schluss mein Vater, ebenfalls ein Journalist. „Europa versteht Russland nicht, weil ihr nicht gut genug informiert seid.“

Es ist schwierig mit der Krim. Für manche ist sie nur ein Nachrichtenthema, ein ferner Schauplatz eines unverständlichen geopolitischen Schachbrett-Spiels der Großmächte. Für andere Menschen wird die große Russland-Krise jedoch zu einer privaten Belastung. „Mannomann, diese Sache entzweit ganze Familien und Freundeskreise“, schrieb diese Woche eine Bekannte in einer E-Mail. Ich kenne ein Netzwerk aus jungen, gebildeten und weltgewandten Russen und Deutschen, das sich über die Ukraine-Frage so heftig zerstritten hat, dass es möglicherweise kurz vor der Auflösung steht.

Ich kenne auch Menschen, die andere Menschen auf Facebook „entfreunden“, weil sie deren Ansichten zum Konflikt nicht mehr ertragen können. Wenn ich ehrlich bin, stand auch ich kurz davor, als ich die Nachrichten einiger früherer Schulkameraden im Netz las. „Die Krim erobert ohne einen einzigen Schuss“, jubelte einer. Ein anderer stellte eine Fotocollage ins Netz: Links ein Straßenumzug von Homosexuellen, rechts marschierende Soldaten auf dem Roten Platz. Und darüber die Frage: „An welcher Parade wird dein Sohn teilnehmen?“

Mir war ein wenig übel, doch habe ich beschlossen, die temporäre Verblendung meiner Freunde zu ignorieren. Genau wie die Beiträge mancher Web-Nutzer und Medien im Westen, die Russland zum Feind machen, Putin mit Stalin vergleichen, das russische Volk als eine primitive Herde darstellen und mit einem Gefühl der moralischen Überlegenheit einen neuen Kalten Krieg herbeischreiben.

Wir – Deutsche und Russen – standen uns nahe, jetzt scheinen wir uns fremd geworden zu sein. Hohn, Schadenfreude und Drohungen sind an der Tagesordnung. Sorgfältig aufgebaute Brücken zwischen unseren Gesellschaften werden zerstört. Statt die Hand auszustrecken, trifft jede Seite offenbar bereits Vorkehrungen, wie sie im Fall einer totalen „Funkstille“ und umfangreicher Sanktionen ohne den jeweils anderen Partner auskommen könnte. Meine Befürchtung ist, dass wir noch nicht am tiefsten Punkt unserer Beziehung angelangt sind. Es ist bitter.

Michail Gorbatschow bei der Feier zu seinem 80. Geburtstag mit Stars in London. (Foto: dpa)

Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen und habe meine Kindheit in Bonn verbracht, wo mein Vater auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges als Korrespondent gearbeitet hat. Als ich mit elf Jahren nach Moskau zurückkehrte und in eine russische Schule ging, starrten mich manche Kinder an, als wäre ich ein Außerirdischer. Doch das war mir egal. Als ein Wanderer zwischen zwei Welten fühlte ich mich zu Hause in Moskau und empfand zugleich eine tiefe Zuneigung zum fernen Deutschland, die mich 1990 gemeinsam mit drei Kommilitonen zu einem Gaststudium nach Marburg an der Lahn zog.

Ich erinnere mich an diese Zeit, als die Sowjetunion zerfiel und ein demokratisches Russland kurz vor dem Aufblühen stand. Für Putin war das die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts.“ Wir russische Journalistik-Studenten hätten dagegen keine schönere Zeit in Deutschland erleben können. Als Exoten standen wir im Mittelpunkt der Studentenfeten, überall schlugen uns Sympathien entgegen. Auch umgekehrt war das so: Wann immer und wo immer ich mit deutschen Freunden durch Russland reiste, öffneten die Russen für die fremden Besucher aus dem „Land der Dichter und Denker“ gerne ihre Herzen.

Viele Jahre später saß ich als Korrespondent in Großbritannien in der Londoner Royal Albert Hall und schaute zu, wie der Westen mit einer Riesen-Gala dem 80-jährigen „Mr. Perestroika“ Tribut zollte. Es sprach Bände, dass der in Russland vergessene und unpopuläre Michail Gorbatschow an die Themse gekommen war, um dort sein Jubiläum zu feiern. Der ehemals mächtige sowjetische Ex-Präsident und Generalsekretär der KPdSU weinte wie ein Kind, weil die Menschen ihm fernab von seiner Heimat einen herzlichen Empfang bereitet hatten. Auch mir steckte ein Kloß im Hals. Im Saal saßen Briten, Amerikaner und wahrscheinlich auch Deutsche, die sehr viel Geld für Eintrittskarten ausgegeben hatten. Für sie war „Gorbi“ ein Held und dessen Land – mein Heimatland – ein Freund und wichtiger, unverzichtbarer Partner. Die Scorpions spielten „Wind of Change“, die Rückkehr zur alten Konfrontation schien unvorstellbar. Was ist nur seitdem geschehen?

Wir alle haben Fehler gemacht. Sie sind nicht fatal, damit will ich sagen: Wir sind nicht im Kalten Krieg und niemand kalkuliert heute ernsthaft die ostukrainischen Industrie-Metropolen Luhansk und Donezk als Beute im „heißen Krieg“ ein. Dennoch stehen alte und neue Missverständnisse, Kränkungen, Hürden und Gräben auf dem Weg zu einer guten Nachbarschaft. Sie sollten nicht unterschätzt werden. Wenn Russland die aktuelle Krise überwinden will, muss es sich und seine Rolle in der Welt realistisch sehen, seine Ressentiments hinten anstellen und Verantwortung als regionale Großmacht übernehmen. Wenn der Westen Russland wieder als Freund und Partner gewinnen will, muss er zunächst vier Dinge machen: geduldig zuhören, versuchen, die Motive des Kreml und die Psychologie der russischen Gesellschaft zu verstehen. Und er muss russische Interessen respektieren.

Große Freude bei Russen über das Ergebnis des Krim-Referendums. (Foto: dpa)

Wie kann es sein, dass die Mehrheit der Bevölkerung geschlossen hinter einem Politiker steht, den manche im Ausland als einen Aggressor, Despoten und Kriegsverbrecher bezeichnen? Warum empfinden die Russen angesichts der bevorstehenden Aufnahme der kleinen Krim in die Föderation Glücksgefühle? Jedenfalls nicht weil sie „von oben“ angeordnet wurden. Diese Freude ist echt, es gibt dafür mindestens drei Erklärungen.

Erstens ist die im 18. Jahrhundert in das Zarenreich erstmals eingegliederte Halbinsel für sehr viele Russen ein wichtiger Teil ihres Lebens, der maßgeblich von ihrer Kultur und Sprache geprägt ist. Denn die Krim war zu Sowjetzeiten eines der beliebtesten Urlaubsziele im großen Land. Auch ich war als Kind regelmäßig in den Ferien bei meiner Oma in der Stadt Jewpatoria, und ich erinnere mich gut an die zirpenden Grillen in den Alleen, den süßen Duft des Sommers, den feinen Sand und das leckere Vanilleeis.

Die Krim war damals für mich und für alle anderen so russisch, wie sie es nur sein konnte. Die „Ukrainisierung“ nach 1991 war für viele Bewohner des Ferienparadieses ein privates Drama. Meine Mutter telefonierte dieser Tage mit ihrer Bekannten auf der Krim. Ljuba weinte am Telefon und sagte ihr immer wieder: „Ich bin so glücklich, denn wir sind jetzt zu Hause.“

Zweitens unterschätzt der Westen die wütende Ablehnung und den Horror der Russen vor dem neuen Nationalismus und den russophoben Stimmungen in einem Teil der Ukraine, die weiterhin als ein „Bruderland“ gilt. Sicher nicht ohne Zutun der gelenkten Massenmedien, die das Volk über die Krise alles andere als ausgewogen informieren, sind die Russen darüber empört, dass in Kiew „Nazis“ an der Macht sind und woanders die Anhänger des Nationalisten Stepan Bandera (1909-1959) im Chaos der heißen Maidan-Wochen ungehindert das Gesetz mit Füßen treten und Jagd auf Ausländer machen. Das fast überall empfangbare Staatsfernsehen blendet zugleich Informationen aus, die in den Menschen Zweifel an der Richtigkeit der Kreml-Strategie in der Krise sähen könnten. Vor diesem Hintergrund empfanden viele Putins Krim-Coup als eine beherzte Antwort an die „Extremisten“ und eine notwendige Maßnahme, um ein Blutvergießen auf der Halbinsel zu verhindern.

Schließlich wärmt ein einfacher Gedanke die aufgebrachten russischen Seelen: „Jetzt haben wir es denen gezeigt.“ Oder wie ein Freund neulich am Telefon erklärt hat: „Endlich tanzen wir nicht länger nach der Pfeife der Amerikaner – wie damals unter Jelzin und Gorbatschow.“ Es geht hier um Minderwertigkeitsgefühle und Ängste der Bürger einer Weltmacht, die nach der Niederlage im Kalten Krieg in eigener Wahrnehmung oft von den Siegern gedemütigt und belogen worden war. Aus der Sicht mancher Russen waren die USA und die EU in den vergangenen zwei Jahrzehnten gleichgültig gegenüber den Problemen und Bedürfnissen ihres Landes. Viele Menschen hier haben dem Westen seine angeblich herablassende Haltung nicht verziehen, mit der eine „gleichberechtigte Partnerschaft“ gepredigt, aber nicht wirklich gelebt wurde. Es ist für sie offensichtlich, dass die Amerikaner und Europäer Russland unter dem Deckmantel der Freundschaftsschwüre auf Distanz halten und neutralisieren wollten, am liebsten noch mit Nato-Streitkräften unmittelbar vor den russischen Grenzen. „Stell dir vor: die Nato in Sewastopol. Unsere Soldaten, die 1941 für die Stadt ihre Leben geopfert haben, würden sich im Grabe umdrehen“, sagte mir aufgeregt ein russischer Freund.

Wladimir Putin lässt sich von den Sanktionen des Westens nicht beeindrucken. (Foto: dpa)

Hinzu kommt ein tiefes Missverständnis der Prioritäten der russischen Entwicklung seit 1991: Dem Westen ging es vorrangig um Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, vielen Russen eher um Stabilität und Wohlstand. Trotz seines offensichtlich autokratischen Regierungsstils ist Putin so populär bei einem Großteil seiner Landsleute, weil er ihnen nach vielen Jahren Chaos Halt gegeben hat – und weil sein Patriotismus sich aus der gleichen, tief sitzenden Großmachtnostalgie speist, die viele empfinden. Wer diese Befindlichkeiten nicht kennt oder ignoriert, wird es schwer haben, zu den russischen Herzen vorzudringen und gemeinsam nach einer vernünftigen Lösung im Ukraine-Konflikt zu suchen.

Natürlich spielen das Völkerrecht und das ukrainische Recht auf Souveränität und territoriale Integrität eine sehr wichtige Rolle. Putins Vorgehen konnte nicht folgenlos bleiben. Die von Deutschland mitgetragenen Sanktionen sollen zugleich Strafe und Anreiz sein, um eine Deeskalation zu erzwingen. Jedoch glaube ich, dass der Westen die Wirkung der Sanktionen stark überschätzt, die die russische Führung und viele Bürger völlig kalt lassen. Auf der anderen Seite wird in Russland naiv geglaubt, dass der große Imageschaden, die Unsicherheit der Investoren und eine wachsende Isolation des Landes keine nennenswerten wirtschaftlichen Folgen haben werden.

Manche Politiker sehen jetzt einzig die Härte als Lösung. Meiner Meinung nach liegt der Weg vorwärts nicht in der Konfrontation, sondern im vertrauensvollen Dialog. Andernfalls werden alle verlieren. Russland ist kein Feind. Ich teile Henry Kissingers Meinung: „Die Dämonisierung von Putin ist keine Politik. Sie ist ein Alibi für die Abwesenheit von Politik.“ Werden der Westen und die Staatsführung in Moskau ehrlich genug sein, um ihre Verfehlungen einzugestehen und einen Neubeginn zu wagen?

Auch kleine Schritte würden uns helfen. Um erneut Kissinger zu zitieren: Es gehe jetzt „nicht um absolute Zufriedenheit (aller Konfliktparteien, Anm. d. Red.), sondern um ausbalancierte Unzufriedenheit“. Was die Ukraine angeht, so wäre die strikte Neutralität außerhalb der Nato und mit gesetzlichen Garantien für alle Minderheiten unter einer demokratischen Führung vielleicht der beste Weg für das instabile und gespaltene Land, das in der Vergangenheit so viel gelitten hat.

Meine Oma wurde auf der Krim begraben. Ich kann ganz einfach und ohne bürokratische Formalitäten ihr Grab besuchen, das sich jetzt auf russischem Territorium befindet. Doch was ist mit den ausreisenden Ukrainern von der Krim, die jetzt gezwungen sind, ihre früheren Existenzen und die Gräber ihrer Familien zurücklassen, weil sie nicht im Ausland leben können und wollen? Wer nimmt Rücksicht auf ihre Gefühle? Das würde ich gerne die Machthaber in Moskau, Kiew und Washington fragen.

Alexei Makartsev (44) wurde in Moskau geboren. Als Kind lebte er in den 70ern einige Jahre lang in Bonn, wo sein Vater als Korrespondent einer sowjetischen Tageszeitung gearbeitet hat. 1990 kam er nach Marburg an der Lahn und studierte an der dortigen Philipps-Universität. Nach dem Abschluss an der Moskauer Lomonossow-Uni studierte er Journalismus in Hannover. Anschließend volontierte er bei der „Nordwest-Zeitung“. Von 1998 bis 2006 berichtete Alexei Makartsev unter anderem für die „Schwäbische Zeitung“ aus Russland, von 2007 bis 2013 arbeitete er als Korrespondent in London. Heute leitet er die Online-Redaktion der „Schwäbischen Zeitung“.

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