Krankenhäuser beklagen Milliardendefizit durch Notfallstationen

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Pro Jahr suchen rund 20 Millionen Patienten die Rettungsstellen der Kliniken auf.
(Foto: dpa)
Antje Schröder

Notfallstationen der Krankenhäuser sind chronisch überlastet. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft schlägt Alarm: Vielerorts seien die Stationen unterfinanziert und müssten Aufgaben erfüllen, für die eigentlich die Kassenärzte zuständig seien, sagte am Dienstag der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, bei der Vorstellung eines Gutachtens zur ambulanten Notfallversorgung in Berlin.

„Die Notaufnahmen werden immer stärker zum Lückenbüßer“, so Baum. Mehr und mehr würden zudem Patienten in die Klinikambulanzen vorstellig, weil sie keinen Termin beim Facharzt bekämen.

Pro Jahr suchen rund 20 Millionen Patienten die Rettungsstellen der Kliniken auf. Nur knapp die Hälfte davon wird danach aber auch stationär im Krankenhaus aufgenommen. Selbst dort, wo es Notfalldienste der Kassenärzte gebe, würden viele Patienten in die Ambulanzen der Krankenhäuser gehen, so Baum.

Die Krankenhäuser klagen, dass sie auf den Kosten sitzen bleiben würden: Pro ambulantem Notfall würden die Häuser durchschnittlich nur 32 Euro erhalten, bei tatsächlichen Kosten von mehr als 120 Euro. Das bedeute für die Kliniken ungedeckte Kosten von einer Milliarde Euro pro Jahr. Das Problem verschärft sich weiter: Allein zwischen 2012 und 2013 seien die Fallzahlen um neun Prozent angestiegen, sagte Baum.

Ein Drittel einfache Erkrankungen

Die meisten Patienten lassen sich nach Unfällen im Krankenhaus verarzten. Viele Patienten kommen aber auch mit Rückenschmerzen oder Erkrankungen der Atemwege in die Notfall-Ambulanz – Fälle, die oftmals ebenso gut in einer normalen Arztpraxis behandelt werden könnten. Bei einem Drittel der Patienten sei das der Fall, so die Studie der Krankenhausgesellschaft. Wenn immer mehr Patienten mit einfachen Erkrankungen in die Notfallambulanzen drängen, treibt das die Kosten in die Höhe. „Hier läuft etwas schief“ sagt Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung.

Die Kassenärztlichen Vereinigungen organisieren zwar Bereitschaftsdienste, die auch außerhalb der normalen Sprechzeiten erreichbar sind. Diese sind aber oftmals nicht bekannt, trotz der bundesweit einheitlichen Bereitschaftsdienstnummer 116117. Zudem gibt es offenbar Lücken: Im Umfeld der Hälfte der befragten Kliniken sind ärztliche Notdienste nur in der Hälfte der Zeit außerhalb der Sprechstunden zu erreichen. Entsprechend steigen in den Krankenhäusern die Fallzahlen am Wochenende und in der Nacht an.

Manche Patienten setzen aber auch darauf, dass sie im Krankenhaus möglicherweise ein breiteres Behandlungsspektrum geboten bekommen. Einige lassen sich auch in der Klinikambulanz durchchecken, weil sie sonst auf einen Facharzttermin warten müssten. Um ihre Situation zu entschärfen, fordern die Krankenhäuser eine bessere Vergütung.

Zudem sollten Notfallpraxen der Kassenärzte bei den Krankenhäusern eingerichtet und durchgängig besetzt werden. Bisher ist das nur bei 400 Krankenhäusern der Fall. Eine Ausweitung der Leistungen in den Krankenhäusern selbst lehnen indes die Kassenärzte ab: „Die Klagen zeigen, dass die Krankenhäuser schon jetzt überfordert sind und eine weitere Öffnung für ambulante Leistungen erst recht nicht verkraften können“, sagte Andreas Gassen, Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Die Krankenkassen fordern, dass Kliniken und Kassenärzte gemeinsam nach Lösungen suchen. Wenn immer mehrPatienten mit einfachen Erkrankungen in der Notaufnahme auftauchten, müssten eventuell auch die Krankenhäuser ihr Leistungsangebot anpassen, sagte Florian Lanz.

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