Kopfsprung in den Flaschenhals: Wie Alkohol bis heute das Leben in Russland prägt

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Männer trinken Alkohol vor einem Eisloch
„Der Alkohol bringt uns den Tod, der Alkohol bringt uns das Leben“: Männer beim Eisfischen in Moskau im April 1997. (Foto: Sergey Chirikov/dpa)
Stefan Scholl

Der Erste, der mir reinen Alkohol eingeschenkt hat, war Mischa (Namen von der Redaktion geändert). Medizinischer Alkohol, mit Wasser verdünnt, in Moskau, am zweiten Neujahrstag 1991. „Trink, wenn du dich traust!“, sagte er. Ich habe eine Teetasse geschafft und mich erbrochen. Später gestand Mischa mir, ich sei ihm unsympathisch gewesen, er wollte mir eins auswischen.

Wir haben noch viel zusammen getrunken, Wein, Wodka, Kognak, meist harte Sachen. Mischa wurde mein Freund, Mischa war einer, den alle mochten, ein Typ mit den breiten Schultern und dem Grinsen Mel Gibsons. Mischa war Maler. Wenn er trank, begann er von den riesigen, bunten Fischen zu erzählen, die er damals malte, von ihren Körpern, ihren Seelen und Gedanken. Dabei rauchte er eine Zigarette nach der anderen, redete, trank weiter, aber sein Blick und seine Stimme blieben fest. Im Rausch schien er neue Lösungen für seine Leinwand zu entdecken.

Jetzt trinken die Russen weniger als Deutsche, Österreicher oder Franzosen – laut den neuesten staatlichen Statistiken. Aber die Statistiken und die erlebte Wirklichkeit haben in diesem Land oft nur wenig miteinander zu tun. Die russische Seele krankt weiter am Branntwein. Vor allem in der Provinz hängt der giftige Schatten der „grünen Schlange“, wie Alkoholismus schon zur Zarenzeit genannt wurde, über Freundschaften, Ehen und Familien. Aber vor allem über den Männern.

Das Trinkkommando ertönt überall

Wir sitzen in Kejses, einem Dorf in Westsibirien, zwischen Stall und Gemüsebeet, der Juli-Himmel ist tiefblau und heiß. Auf dem Tisch steht, umstellt von Schüsseln mit dampfenden Jungkartoffeln, Rindfleisch, Gurken, Zwiebeln, saurer Sahne, Speck und Salaten, eine Glaskaraffe voll trüber Flüssigkeit. Oleg füllt je hundert Gramm in die Wassergläser und grinst mutwillig: „Trink!“

Ich habe dieses Kommando in Moskauer Büros, auf Twerer Hinterhofbänken, in Militärflugzeugen oder Provinzdiscotheken gehört, von weißrussischen Autodieben, tschetschenischen Milizionären, von stellvertretenden Chefredakteuren oder Skinheads. „Trink!“ Es war Duellforderung und zugleich eine angebotene Friedenspfeife. Und immer die Einladung zum Kopfsprung in den Flaschenhals, hinein in eine Welt neuer Offenbarungen.

Seit 20 Jahren gilt der Nichttrinker Wladimir Putin als nationales Vorbild. Das Militärportal topwar.ru prahlt, andere europäische Länder, etwa Deutschland, könnten von den Russen lernen, wie man nüchtern bleibt. Aber gleichzeitig sehnt sich Russland nach sowjetischer Flaschenbrüderschaft, nach den Zeiten rationierten Wodkas und wilder Saufgelage, bei denen mörderische Cocktails gemixt wurden: „200 Gramm Schigulowskoje Bier, 150 Gramm Spirituslack, 50 Gramm Parfüm ,Weißer Flieder’, 50 Gramm Antischweißfußtranspirant …“ Der Autor des Rezepts, der Schriftsteller Wenjamin Jerofejew, war überzeugter Alkoholiker und starb an Kehlkopfkrebs.

Und der Alkoholpegel gilt als Messlatte der Männlichkeit. Die Bosse in den Gangsterfilmen des Staatssenders NTW schlucken weiter direkt aus dem Flaschenhals. Trinken ist wie Fluchen: nicht unbedingt schön, aber echt.

Einmal bin ich mit der Rockband „Leningrad“ im Zug von Petersburg nach Twer gefahren, zu einem Konzert. Sergei Schnurow alias Schnur, ihr Frontsänger, Texter und ebenfalls bekennender Säufer, bestellte nach 200 Kilometern im Speisewagen mit nachdenklicher Miene das erste Glas. Danach tauchten immer neue Bier- und Wodkaflaschen auf. Als wir die Konzertbühne an der Wolga erreichten, waren alle betrunken, Denis, der Schlagzeuger, hatte einen Schlägel verloren und drosch mit einer Plastikflasche auf die Trommeln ein, aber der Rhythmus stimmte.

„Der Alkohol bringt uns den Tod, der Alkohol bringt uns das Leben“, dichtete Schnur vor ein paar Wochen. „Gezeugt wird mehrheitlich im Dusel, lieben mag hier niemand ohne Fusel.“ Alkohol ist schräge Poesie, Alkohol ist Rock.

Oleg will mich unter den Tisch trinken. Nach dem alten russischen Ritual: Eingießen, Trinkspruch, Anstoßen, ex ... danach in etwas möglichst Fettes beißen, am besten in rohen Speck. Und wieder Eingießen, Trinkspruch… Olegs „Samogon“, selbst gebrannter Schnaps, ist eine lauwarme, 50- bis 60-prozentige Abscheulichkeit. Er aber grinst blauäugig: „Trink! Oder willst du eins auf den Hals kriegen!“

Laut offiziellen Statistiken hat Russland seinen Alkoholkonsum seit 2011 halbiert. Das mag stimmen – was Studenten oder Yuppies in Moskau, Petersburg oder anderen Millionenstädten angeht. Hier herrscht inzwischen europäische Kneipen- und Barkultur, gebechert wird vor allem Bier, und das freitags. Im Gegensatz zur Sowjetunion ist der Flaschenhals längst nicht mehr der einzige Ausweg in andere Wirklichkeiten, man kann auch kiffen, koksen oder Cyberspiele spielen. Und man kann jetzt auswandern, das wollen nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums 53 Prozent der Russen unter 24 Jahren.

Die Statistik der Dorfsibirier

Oleg ist ein Mann wie ein Baum, sein Gebiss tadellos bis auf einen Stahlzahn, für ihn ist Trinken ein Sportfest. Oleg ist gelernter Elektriker, aber tatsächlich kann er alles. Er fällt sein eigenes Holz, fischt mit dem eigenen Netz, schlachtet selbst. Oleg ist einer, der wie Millionen anderer Landrussen auf jeder Großstadtbaustelle als Allroundhandwerker schwarz arbeiten kann.

Die Dorfsibirier haben ihre eigene inoffizielle Statistik, Oleg gehört zur Mehrheit der „Rabotjagi“, den Malochern, aber 20 bis 30 Prozent der Einwohner im Dorf gelten als „Alkaschi“, die Alkoholiker. Für sie ist Schnaps nicht mehr Vergnügen, sondern Grundnahrungsmittel. Wo der Samogon endet, schlucken sie auch Frostschutzmittel.

Und die Staatsmacht weiß, dass die grüne Schlange viel lebendiger ist, als ihre eigenen Zahlen vorgeben. Im November beschloss die Duma in erster Lesung ein Gesetz, die sowjetischen Ausnüchterungsanstalten wieder einzuführen, um Betrunkene von den Straßen zu schaffen, einzusperren und ihren Rausch ausschlafen zu lassen. Und vergangenen Dezember hat die Regierung ein Verbot erlassen: Haushaltsflüssigkeiten wie Parfüm, Desinfektionsmittel oder Badewasserzusätze mit mehr als 28 Prozent Ethylalkohol dürfen nicht billiger verkauft werden als Getränke mit vergleichbarem Alkoholgehalt. Ende November starben in einem Dorf bei Jaroslawl trotzdem fünf Menschen. Die Polizei vermutet, sie hätten Autoscheibenreinigungsmittel getrunken.

Alkohol ist der Grund für 70 Prozent der männlichen Todesfälle im erwerbsfähigen Alter. Alte Freunde aus der Provinz oder aus Petersburg rufen nur noch an, um lallend ihre Freundschaft zu versichern, werden angetrunken in der Stadt gesehen, verschwinden ganz. Ein guter Bekannter war Filmregisseur, hat internationale Preise gewonnen, auch er trank. Er starb an Leberkrebs. Timofej arbeitete als Funktionär einer Duma-Partei in Moskau, auch er trank. Einmal im Jahr lädt seine Mutter alle seine Freunde und Bekannten zu seinem Geburtstag ein – auf den Kusminsker Friedhof in Moskau.

Die meisten toten russischen Freunde waren über 40, als sie starben. Vielleicht war ihr Verhängnis, dass sie in der Sowjetunion aufwuchsen. Aber vielleicht fällt in diesem Alter die grüne Schlange auch über die nächste Generation her.

Mischa, der Maler, liegt auf einem Tisch im Hof, sein Gesicht sieht fremd aus, die Haut hat sich gelb gefärbt, Mischa wird begraben. Er hatte ein Lächeln wie Mel Gibson, er hatte Charisma, er trank, weil er neue Bilder suchte. Dann, nachdem er die Malerei hingeschmissen hatte, um als Werbedesigner Geld zu verdienen, trank er, weil es nichts mehr zu finden gab. Am Ende zog er aufs Dorf, kunstschreinerte, wurde wieder Vater, hörte auf zu trinken, aber seine Organe machten nicht mehr mit. Mischas junge Witwe streicht ihm über die Stirn, der russische Himmel ist grau, die ersten Schneeflocken taumeln durch die Luft.

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