Kommentar zu Lockerungen in der Krise: Ein klarer Fahrplan tut not

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 Die Polizei appelliert an die Bürger, die Corona-Verordnung trotz der momentanen Lockerungen im öffentlichen Leben einzuhalten.
Die Polizei appelliert an die Bürger, die Corona-Verordnung trotz der momentanen Lockerungen im öffentlichen Leben einzuhalten. (Foto: dpa/Bernd Von Jutrczenka)
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Es ist gut, dass es zurück in die Normalität geht. Und es ist gut, dass dies schrittweise erfolgt. Dennoch sollte die Schrittfolge, die Bund und Länder vorgeben, einer nachvollziehbaren Logik folgen und nicht widersprüchlich ausfallen.

Beispiel eins: Spielplätze dürfen wieder besucht werden, Kitas und Kindergärten bleiben aber geschlossen. Ob 30 Kinder im Garten der Kita oder auf öffentlichem Terrain herumtoben, ist dem Virus herzlich egal. Beispiel zwei: Die Geschäfte werden endlich wieder geöffnet, aber die Leute sollen weiterhin besser zu Hause bleiben. Aber wie sollen dann die Einzelhändler überleben? Beispiel drei: Es wird ernsthaft darüber nachgedacht, die Geisterspiel-Fantasien des Profifußballs wahr zu machen. Ein gespenstischer Plan.

Derlei Absurditäten rütteln an der Glaubwürdigkeit der Vorgehensweise und machen es der Opposition einfach, „Macht alles wieder auf!“ zu rufen. Doch das ist wohlfeil. Kein Politiker, nicht einmal die Wissenschaft, kann seriös beantworten, wie gefährlich eine zweite Corona-Welle sein würde, wie viele Menschenleben auf dem Spiel stehen. Die Vorsicht der Regierung ist de facto der Sorge um das Wohlergehen der Bürger geschuldet und nicht dem Drang, ihnen ihre Freiheit zu rauben. Und dennoch darf diese Freiheit in einer Demokratie nicht aufgrund der alles überlagernden Gesundheitsvorsorge auf der Strecke bleiben.

Viele richtige Maßnahmen wurden prompt und unbürokratisch verabschiedet, von den Rettungsschirmen bis zur Aufstockung der Intensivbetten. Trotzdem verstärkte sich zuletzt der Eindruck eines Schlingerkurses der Regierung, sei es bei den Schutzmasken oder auch der Reproduktionszahl. Es sollte endlich einen verständlichen, nachvollziehbaren und vertrauenerweckenden Fahrplan zur Rückkehr in die Normalität geben. So schwierig das für die Politik angesichts der so nie da gewesenen Situation auch sein mag, aber die zentralen Lebensadern unserer Gesellschaft – Familien, Schulen, Wirtschaft – brauchen Orientierungspunkte. Wenn hinterher im Detail wieder etwas geändert werden muss, ist dies weit weniger schlimm. Wer von den Bürgern die Einhaltung rigider Maßnahmen einfordert, sollte ebenso klare Perspektiven aufzeigen.

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