Kirchenstreik: „Die Spaltung der Kirche hat längst stattgefunden“

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Schwäbische Zeitung

Sie haben ihrer katholischen Kirche den Rücken gekehrt – aber nur für eine Woche: Überall in Deutschland sind Frauen in den Kirchenstreik getreten, haben ihre Ehrenämter ruhen lassen und eigene Gottesdienste gefeiert. Unter dem Motto „Maria 2.0“ fordern sie, Frauen zu Weiheämtern zuzulassen. Am Sonntag endet die Aktion. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart gab es mehr als 50 Aktionen. Karin Walter ist Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbunds (KDFB) in der Diözese. Die Theologin aus Biberach erklärt im Gespräch mit Katja Korf, was der Streik gebracht hat.

Frau Walter, wie zufrieden sind Sie mit der Resonanz auf Ihren Streik?

Ich bin sehr zufrieden und sogar überrascht von der breiten Beteiligung. Damit hätte ich nicht gerechnet. Wir als KDFB wissen von rund 50 Veranstaltungen in der Diözese. Aber es waren sicher noch mehr – zum einen von KDFB-Frauen, die uns ihre Aktionen gar nicht mitgeteilt haben. Zum anderen weiß ich selbst von Veranstaltungen, die Frauen und übrigens auch Männer unabhängig von uns organisiert haben.

Wie haben denn die Menschen auf „Maria 2.0“ reagiert?

Ich habe zum Beispiel in Biberach auf dem Wochenmarkt gestanden und auch mit vielen Mitstreiterinnen über deren Erfahrungen gesprochen. Mehr als 90 Prozent der Menschen haben uns unterstützt. Viele sind dankbar, dass sich jemand für Reformen in der katholischen Kirche und die Gleichberechtigung der Frauen einsetzt. Oft fiel das Wort „endlich“. Natürlich gab es kritische Rückmeldungen aus konservativen Kreisen. Aber das war ja zu erwarten.

Zu solchen Reaktionen gehört die Kritik, Ihre Aktion spalte die Kirche. Was halten Sie davon?

Mehr als die Kritik hat mich etwa anderes erschreckt: Wie viele Menschen resigniert oder gleichgültig abgewunken haben, wenn wir sie angesprochen haben. Viele haben Dinge gesagt wie: „Ich habe meinen Glauben, aber mit der Kirche will ich nichts mehr zu tun haben.“ Ich habe Erfahrungen von Menschen mit dieser Kirche gehört, die haarsträubend waren. Kein Wunder, dass sich solche Gläubigen von der Kirche abwenden. Und der Missbrauchsskandal ist dafür verantwortlich, dass nun die Geduldigsten der Kirche den Rücken kehren. Ich kann jenen, die uns Spaltung vorwerfen, nur sagen: Die Kirchenspaltung hat längst stattgefunden.

Ein anderer Vorwurf lautet, der Streik instrumentalisiere den Missbrauchsskandal, um die Macht der Frauen in der Kirche auszubauen ...

Das ist haltlos. Wir setzen uns seit 1998 dafür ein, Frauen in Weiheämter zu berufen. Man kann uns jetzt nicht vorwerfen, dass der Missbrauchsskandal publik geworden ist. Meiner Meinung nach würde sich übrigens durchaus etwas zum Positiven wenden, wenn sich die männerdominierte Machtstruktur der katholischen Kirche verändern würde. Wären mehr Frauen in Verantwortung, wäre ein solcher Missbrauch nicht in diesem Ausmaß möglich gewesen.

Was entgegen Sie jenen, die sagen, das Kirchenrecht erlaube keine Priesterinnen?

Das Kirchenrecht ist von Menschen gemacht worden, also können Menschen es auch irgendwann wieder ändern. Das ist nicht von Gott gegeben. In der Genesis steht: „Gott schuf den Mann nach seinem Abbild, und er schuf ihn als Mann und Frau.“ Daraus folgt für mich, Frauen sind 50 Prozent des Abbilds Gottes. Diese Hälfte müsste in der Kirche gleichberechtigt vertreten sein. Frauen spielen auch in den Evangelien eine ganz wichtige Rolle. Maria Magdalena hat zum Beispiel als Erste die Auferstehung Jesu verkündet. Jesus hat selbst gesagt: „Ich bin der Weg“ – und nicht „Ich bin der Stillstand“. Die Kirche muss zu Recht sehr vieles bewahren. Andererseits muss sich etwas Großes ändern, weil die Kirche Glaubwürdigkeit verloren hat. Die Gläubigen müssen erkennen, dass die Kirche bereit ist, aus Fehlern zu lernen und das Vertrauen der Gläubigen zurückgewinnen möchte.

Wie optimistisch sind Sie, dass sich nach „Maria 2.0“ etwas ändert?

Einige Bischöfe kommen ins Denken und der Streik hat viele Debatten angestoßen. Viele Menschen bitten uns, jetzt nicht nachzulassen. Wir machen weiter, das steht fest. Eine einwöchige Aktion allein reicht längst nicht. Was wir nun unternehmen, das überlegen wir uns gut.

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