Iran weist Spekulationen über versehentlichen Flugzeugabschuss zurück

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Die Wrackteile des abgestürzten Flugzeugs in der Nähe von Teheran. Iran hat kanadische, amerikanische und französische Experten
Die Wrackteile des abgestürzten Flugzeugs in der Nähe von Teheran. Iran hat kanadische, amerikanische und französische Experten eingeladen, sich an der Untersuchung des Unglücks zu beteiligen. (Foto: Ebrahim Norooz/dpa)
Thomas Seibert

Flug PS752 der Ukrainian International Airlines startete am frühen Mittwochmorgen in der iranischen Hauptstadt Teheran mit dem Ziel Kiew. Die Maschine vom Typ Boeing 737-800, die erst dreieinhalb Jahre alt war und gerade aus der Wartung kam, erhielt von der Flugaufsicht die Erlaubnis, auf knapp 8000 Meter Höhe zu steigen – doch sechs Minuten später stürzte der Jet ab, alle 176 Menschen an Bord starben. Viele Passagiere waren Kanadier iranischer Abstammung, darunter zwei frisch vermählte Hochzeitspaare, die nach Feiern in Iran auf dem Heimweg waren. Auch eine 29-jährige Doktorandin aus Mainz sowie eine 30-jährige Frau aus Nordrhein-Westfalen und ihre beiden fünf und acht Jahre alten Kinder kamen ums Leben. Jetzt wird die Tragödie zu einem hochpolitischen Zankapfel, der neue Spannungen zwischen Iran und dem Westen auslösen könnte. Denn Teheran sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Boeing abgeschossen zu haben.

Wenige Stunden vor dem Start der Maschine hatten irakische Militärs 15 Raketen in den Irak abgeschossen, wo sie auf Militärstützpunkten mit amerikanischen Truppenkontingenten einschlugen. Nach den Angriffen, eine Vergeltung für die Ermordung des Generals Kassem Soleimani, muss die iranische Luftabwehr mit amerikanischen Gegenschlägen gerechnet haben. Schließlich hatte Präsident Donald Trump kurz zuvor mit schnellen und vernichtenden Militäraktionen der USA gegen Iran gedroht.

Trump verzichtete auf eine militärische Reaktion, weil bei den iranischen Angriffen keine US-Soldaten zu Schaden kamen. Die Spannungen zwischen den USA und Iran legten sich darauf wieder etwas – doch jetzt drohen neue Eskalationen. Amerikanische und kanadische Geheimdienste nehmen an, dass die iranischen Militärs offenbar unabsichtlich die ukrainische Maschine vom Himmel holten. Der kanadische Ministerpräsident Justin Trudeau sprach von mehreren Quellen für die Behauptung. Die Regierung in Kiew äußerte sich zurückhaltender, wollte einen Raketenbeschuss als Absturzursache aber ebenfalls nicht ausschließen.

US-Spionagesatelliten lieferten nach amerikanischen Angaben die entscheidenden Hinweise auf einen möglichen Abschuss. Zwei Minuten nach dem Start von Flug PS752 wurden demnach Hitzesignale von zwei iranischen Luftabwehrraketen registriert. Anschließend zeichneten die Satelliten einen weiteren Hitzepunkt auf – den Feuerball der abstürzenden Maschine. Die „New York Times“ veröffentlichte ein Video, das angeblich den Moment der Raketenexplosion am Himmel nördlich von Teheran zeigt. Das Magazin „Newsweek“ zitierte Gewährsleute im US-Verteidigungsministerium und in den Geheimdiensten mit der Einschätzung, es habe sich um eine „Tor“-Rakete aus russischer Herstellung gehandelt.

Iran wies die Vorwürfe zurück und sprach von „psychologischer Kriegsführung“ gegen das Land. Teheran hatte kurz nach dem Unglück von einem Motorschaden als möglicher Ursache gesprochen. Es sei „offensichtlich“ und „sicher“, dass der ukrainische Jet nicht von einer Rakete getroffen worden sei, sagte Ali Abedzageh, Chef der iranischen Luftfahrtbehörde.

Auf Einladung Irans sollen sich kanadische, amerikanische und französische Experten an der Untersuchung des Unglücks beteiligen.

Teheran betonte aber, iranische Fachleute würden den Flugschreiber der Unglücksmaschine alleine auswerten. Iran forderte die westlichen Regierungen zudem auf, die Quellen für ihre Vorwürfe offenzulegen – doch in Washington und anderen Hauptstädten werden Beamte und Politiker zögern, hochsensibles Geheimdienstmaterial ausgerechnet den Iranern zugänglich zu machen. Auch in Iran selbst steht für die Regierung viel auf dem Spiel. Der Tod von Soleimani, der von vielen Iranern als Nationalheld verehrt wurde, hatte eine Welle der Solidarität mit der Regierung ausgelöst.

Kurz nach landesweiten Massenprotesten gegen Preisanhebungen und Misswirtschaft im vergangenen Jahr war das für die politische Führung ein wichtiger Popularitätsschub. Sollte sich nun herausstellen, dass iranische Militärs für den Tod so vieler unschuldiger Menschen verantwortlich waren, könnte die Stimmung im Land wieder umschlagen.

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