Interview: „Suche nach Endlager ist eine bundesweite Aufgabe“

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Michael Sailer ist Ingenieur für technische Chemie. Neben seiner Tätigkeit als Geschäftsführer des Öko-Instituts, ist Sailer auc (Foto: privat)
Schwäbische Zeitung

2013 haben sich Bund und Länder geeinigt, ergebnisoffen auf die Suche nach einem Endlager für Atommüll zu gehen. Josephine Lütke sprach mit Michael Sailer, Nuklearexperte des Öko-Instituts, über die Suchkriterien, die Sicherheit eines Endlagers und politische Rückzieher.

Herr Sailer, ist es überhaupt wahrscheinlich, dass ein Endlager für Atommüll gefunden wird?

Ich gehe davon aus, dass wir in Deutschland mehrere Regionen haben, die aus geologischen Gründen geeignet sein könnten. Es gibt eine ganze Reihe von Salzstöcken in Norddeutschland und Tonsteinschichten, die mehrere Hundert Meter tief in der Erde liegen, in verschiedenen Bundesländern. Es könnte auch nach dem skandinavischen Modell um Granit gehen.

Wie sicher sind solche Lagerstätten?

Als Wissenschaftler kann man nach bestem Wissen und Gewissen prüfen und beurteilen, man weiß aber auch, dass es keine 100-prozentige Sicherheit gibt. Das Ganze muss damit verglichen werden, was sonst mit dem Atommüll passieren würde. Bisher steht er in oberirdischen Zwischenlagern wie in Gundremmingen oder Neckarwestheim. Dort hält es auf jeden Fall keine Million Jahre – wahrscheinlich nicht mal 100 Jahre. Wenn in einem solchen Zwischenlager etwas passiert, würde die Radioaktivität direkt in die Umwelt gehen.

Bund und Länder sind stolz auf ihr Gesetz der ergebnisoffenen Suche. Wird es jedoch konkret, winken einige Bundesländer mit Hinweis auf eine nicht geeignete Geologie ab. Geht es am Ende um Bodenbeschaffenheit oder Politik?

Es ist eine bundesweite Aufgabe, ein Endlager zu finden. Es geht um den deutschen und nicht um den bayerischen oder baden-württembergischen Atommüll. Die Beurteilung wird bundesweit anhand einheitlicher Kriterien erfolgen. Solange dieser Prozess noch nicht gelaufen ist, kann man noch gar nicht sagen, ob einzelne Bundesländer keine geeigneten Formationen haben.

Bisher ist jedoch nicht geklärt, nach welchen Kriterien die Endlagersuche ablaufen soll.

Fachlich wird sich seit etwa zehn Jahren auf Kriterien bezogen, die eine Wissenschaftlergruppe, der Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd), damals erarbeitet hat. Es geht darum, dass zunächst Gebiete ausgeschlossen werden, die sich in der nächsten Million Jahre massiv verändern könnten – zum Beispiel durch Vulkanismus, starke Erdbeben oder intensive Hebung beziehungsweise Senkung. Bei anderen Kriterien kommt es zum Beispiel darauf an, wie dicht das Salz oder der Tonstein ist. Es sind viele naturwissenschaftliche Kriterien zu beachten. Aus meiner Sicht wären politische Kriterien nicht angemessen für eine Beurteilung, denn wir reden hier über den Schutz der Umwelt für eine Million Jahre. Die Politik hält wahrscheinlich nicht so lange.

Gelten die Kriterien auch für stark bevölkerte Gebiete?

Sie müssen ein Endlager so machen, dass dort nach menschlichem Ermessen keine radioaktiven Stoffe rauskommen. Für die Langzeitbetrachtung kann die Bevölkerung kein Kriterium sein. Man weiß ja nicht, wie groß die Bevölkerungsdichte in 10 000 Jahren ist. Was natürlich eine Rolle spielt, ist die Sicherheit des Betriebes. Schließlich müssen die Abfälle hingefahren und eingelagert werden. Da ist eine Region mitten in einer Großstadt nicht geeignet.

Was passiert mit aufbereitetem Atommüll, der aus England und Frankreich zurückkommt, bis ein Endlager gefunden ist?

Es gibt die Diskussion, ob diese Mengen anstatt ins Zwischenlager Gorleben an andere Kernkraftwerkstandorte gehen. Darum wird politisch gerungen. Insgesamt gibt es zwölf mögliche Standorte, darunter mit Neckarwestheim und Philippsburg zwei in Baden-Württemberg. Drei sind notwendig.

Umweltministerin Barbara Hendricks will, dass das Zwischenlagerproblem bis Ostern geklärt ist. Halten Sie das für realistisch?

Ich denke es hängt davon ab, dass alle Beteiligten intensiv miteinander reden. Druck zu machen ist notwendig, denn 2015 kommen die ersten Abfälle aus Frankreich zurück.

Wann könnte ein Endlager gefunden werden?

Wenn der Prozess wie im Gesetz vorgesehen in Gang kommt, wird es in den 2030er-Jahren eine Festlegung geben können.

Wie könnte ein Atommüll-Endlager einer Region überhaupt schmackhaft gemacht werden?

Man muss ab jetzt einen breiten, transparenten Diskussionsprozess in Gang setzen. Ohne Diskussion, Information und Beteiligung der Bevölkerung geht gar nichts. Außerdem muss darüber diskutiert werden, ob eine Region, die die notwendige Last auf sich nimmt, in ihrer Entwicklung unterstützt wird. Es geht nicht um Bestechungsgeld, sondern um die Honorierung der Region, die eine nationale Aufgabe, die wir leisten müssen, übernimmt. Die dritte Sache ist, dass unabhängig von Geldern die beste naturwissenschaftliche Absicherung gegeben ist, denn vom Endlager darf keine Gefahr ausgehen.

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