In Friedrichshafen begann die zweifelhafte Karriere des „Teufels von Auschwitz“

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Schwäbische Zeitung

Auschwitz markiert eines der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte. Die Verbrechen, die in dem größten Konzentrations- und Vernichtungslager von den Nationalsozialisten begangen wurden, sind unbeschreiblich. So unbeschreiblich wie die Erfindung von Friedrich Wilhelm Boger, eines biederen Mannes aus Zuffenhausen, der sich ab 1933 im Dienst der Politischen Polizei in Friedrichshafen als Sadist übte und sich ab 1942 in Auschwitz damit groß machte, Menschen mittels einer „Sprechmaschine“, wie er sie nannte, zu foltern und zu quälen: der Bogerschaukel. Sie ist als besonders grausame Methode in das Vokabular der Folterer eingegangen. Am Freitag, 20. Dezember, vor 50 Jahren begann der erste Auschwitzprozess in Frankfurt. Neben Boger waren 21 Männer angeklagt.

Etwa 1,5 Millionen Menschen wurden in dem Konzentrationslager Auschwitz, 50 Kilometer westlich von Krakau, zwischen 1940 und 1945 ermordet. Frauen, Männer, Kinder, Juden, Polen, Kriegsgefangene, Sinti und Roma – sie wurden Opfer ungehemmter, gewissenloser Machtentfaltung einer Partei und eines Rassenwahns, der aus biederen Bürgern, pflichtbesessenen Beamten und sorgenden Familienvätern Bestien machte. Einer davon, und nicht der Geringste unter ihnen war Wilhelm Boger, der „Henker von Ostrolenka“, der „Teufel von Auschwitz“ und Erfinder der Bogerschaukel.

In Friedrichshafen begann Bogers zweifelhafte Karriere. Im März 1933 trat der 27-jährige, beruflich als Kaufmann gescheitete und sozial gestrandete SS-Angehörige eine Laufbahn bei der Politischen Polizei (Geheime Staatspolizei und Sicherheitsdienst) in der Friedrichstraße an.

Sadist und Peiniger

Der erste Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 in Frankfurt brachte es erst an den Tag. Boger war einer der grausamsten und gefürchtetsten Peiniger in Auschwitz. Zu seinen sadistischen Schreckensinszenierungen gehörten spontane Erschießungen, Massentötungen und Folter. Er besaß ein eigens angefertigtes Mauser-Gewehr, mit dem er immer im gleichen Abstand zu einer schwarzen Wand Gefangene erschoss. 60 an einem Tag, bei 30 machte er Pause und trank einen Schnaps.

Für seine Verhöre ließ er sich eine „Sprechmaschine“ bauen. Sie bestand aus zwei aufrecht stehenden Holmen, in die eine Eisenstange quer hineingelegt wurde. Boger ließ die Opfer in die Kniebeuge gehen, die Stange wurde durch die Kniekehlen gezogen und die Hände daran festgebunden. Dann ging der Folterer mit einem Ochsenziemer ans Werk. Eine Zeugin beschrieb ein Opfer nach der Tortur: „Er hat nicht mehr wie ein Mensch ausgesehen. Er konnte nicht stehen, er konnte nicht reden, ich dachte, das ist schon ein toter Mensch.“

Sein „Handwerk“ hat Boger in Friedrichshafen gelernt, wo ihm der Ruf eines besonders strammen Parteigenossen und einer moralisch zweifelhaften Persönlichkeit anhaftete. Bezeugt sind mehrere Vorfälle, in denen sich Boger als äußerst brutaler Gestapomann erwies. Im Sommer 1940 ließ er im Bergerholz in Madenreute einen polnischen Zwangsarbeiter hinrichten, weil er Kontakt mit einer einheimischen Frau hatte. Sie hieß Berta Weißhaupt. Wegen dieses Vergehens wurde sie kahl geschoren, öffentlich an den Pranger gestellt und ins KZ Ravensbrück gesteckt.

Boger wurde im selben Jahr wegen Beihilfe beziehungsweise Nötigung zur Abtreibung vom Dienst suspendiert und inhaftiert. Nach Scheidung von seiner ersten Frau, mit der er drei Kinder hatte, wovon zwei starben, heiratete er Marianne Ittner, mit der er eine Tochter hatte.

In einem Bewährungszug der SS kämpfte Boger anschließend an der Front in Russland, wurde vor Leningrad verwundet und kam 1942 als Oberscharführer der Waffen-SS nach Auschwitz. Dort war er bis zur Auflösung des Lagers in der politischen Abteilung tätig. Auch seine Frau und seine mittlerweile drei Töchter wohnten im Lagerbereich.

Entnazifizierungsverfahren in Stuttgart anstandslos überstanden

Vor dem Einmarsch der Alliierten brachte Boger im Januar 1945 die Geheimakten von Auschwitz ins KZ Buchenwald und reiste zu seinen Eltern nach Ludwigsburg. Dort wurde er zwar von den Amerikanern entdeckt und verhaftet, konnte aber bei seiner Auslieferung nach Polen fliehen. Bis 1949 schlug er sich unter falschem Namen als Knecht bei Bauern unter anderem in Crailsheim durch. 1951 wohnte die Familie dann unter richtigem Namen in Hemmingen, Kreis Leonberg. Das Entnazifizierungsverfahren bei der zentralen Spruchkammer in Stuttgart überstand Boger anstandslos. Im Motorrollerwerk der Firma Heinkel in Zuffenhausen stieg er vom Lageristen zum kaufmännischen Angestellten auf.

Er durfte sich in Sicherheit wähnen, führte ein bürgerliches Leben und war im Betrieb „durch seine Gewissenhaftigkeit und seinen Fließ“ geschätzt. Dass er mehr als 13 Jahre nach Kriegsende zur Rechenschaft gezogen wurde, ist dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Adolf Rögner zu verdanken. Durch seine Anzeige im März 1958 kam der ganze Prozess allererst ins Rollen. Am 8. Oktober 1958 wurde Boger an seinem Arbeitsplatz verhaftet und zusammen mit weitern 19 Auschwitz-Verbrechern angeklagt.

Wegen Mitwirkung bei Massentötungen, Häftlingsselektionen, Tötung von Häftlingen bei verschärften Vernehmungen und anderen Delikten verurteilten ihn die Richter 1965 nach 183 Verhandlungstagen zu lebenslanger Haft. Boger wurde in Singen, später auf dem Hohenasperg inhaftiert und starb am 3. April 1977 im Krankenhaus in Bietigheim-Bissingen. Seine Taten hat er nie bereut. Im Gegenteil: Er verhöhnte Zeugen im Gerichtssaal, rief immer wieder „Heil Hitler“ und fühlte sich wie ein „Hecht im bundesrepublikanischen Karpfenteich“, wie er gegenüber seiner Frau prahlte. Bis zuletzt versuchte sie ihn mit Gnadengesuchen freizubekommen.

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