Debatte um Impfpflicht: So gehen andere Länder in Europa damit um

Pflegeheim
Pflegeberufe trifft die Impfpflicht europaweit bisher am häufigsten - doch die Rufe nach einer Ausweitung werden lauter, nicht nur in Deutschland. (Archivbild). (Foto: Jens Büttner / DPA)
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Deutschland rangiert aktuell auf Platz zwei jener Länder, in denen sich die meisten Menschen täglich neu mit dem Coronavirus infizieren - und das weltweit. Die Impfquote bei den Vollgeimpften stagniert bei unter 70 Prozent. Auch deshalb wird hierzulande noch immer heftig über eine Impfpflicht gestritten. 

Wie aber ist das im europäischen Ausland? Wie gehen unsere Nachbarn mit diesem Thema um? Wir blicken uns mal ein wenig in Europa um.

Österreich

Mit Inzidenzen von über 1000 scheint die Corona-Lage in Österreich außer Kontrolle. Daher hat die Regierung hier nun die Notbremse gezogen. Seit dem 22. November ist das Land wieder im Lockdown. Im Februar soll dann eine Impfpflicht eingeführt werden - nicht nur für Mediziner oder Pfleger, sondern für alle. Bis jetzt sind dort, ähnlich wie in Deutschland, nur rund 65 Prozent der Menschen vollständig geimpft.

Schweiz

In der Schweiz war eine Impfpflicht bisher kein Thema - doch angesichts der vierten Welle fangen auch dort die ersten Politiker an, über eine Impfpflicht zu diskutieren. Der Präsident der Schweizer Volkspartei, Marco Chiesa, hat mit seiner Forderung nach einer Impfpflicht für Pflegeberufe für einigen Wirbel gesorgt, auch in seiner eigenen Partei. Auch in der Schweiz steigen die Infektionszahlen wieder schneller an, die ersten Kantone haben bereits ihre Maßnahmen verschärft.

Frankreich

Seit Mitte September gibt es in Frankreich eine Impfpflicht für bestimmte Berufe, vorrangig für Gesundheits- und Pflegeberufe, aber auch für die Gendarmerie, die Rettungsdienste und die Feuerwehr. Nach einer Mitteilung des französischen Gesundheitsministeriums haben sich lediglich knapp 15.000 der 2,7 Millionen Betroffenen nicht daran gehalten. Die Verweigerer wurden unentgeltlich freigestellt. Die Inzidenzrate in Frankreich liegt zurzeit mit 192,8 knapp unter der Hälfte des deutschen Werts.

Niederlande

Die Niederlande sind ebenfalls stark von der vierten Welle betroffen. Als erstes europäisches Land wurde dort daher bereits am 13. November wieder ein Teil-Lockdown ausgerufen, der vor allem Gastronomie, Geschäfte und Sport betrifft. Eine Impfpflicht besteht aber nicht, die Impfquote beträgt gut 82 Prozent. Die Infektionsraten steigen dort allerdings weiterhin rasant an. Die jüngsten Maßnahmen wurden dort von gewaltsamen Ausschreitungen begleitet.

Corona-Proteste in den Niederlanden
Wie hier in den Niederlanden gibt es trotz eskalierender vierter Corona-Welle noch immer gewaltsame Proteste überall in Europa. (Foto: Peter Dejong / DPA)

Großbritannien

Im Vereinigten Königreich sind die Regeln je nach Landesteil unterschiedlich. In England gibt es für Pflegepersonal bereits eine Impfpflicht seit Juni, Anfang November lief die Übergangszeit aus. Die Impfpflicht soll bis zum April 2022 auch auf medizinisches Personal ausgeweitet werden. Über 50.000 Pflegekräfte, ungefähr zehn Prozent aller Beschäftigten, will sich nicht impfen lassen. Sie werden voraussichtlich entweder versetzt oder entlassen. In den Landesteilen Wales, Schottland und Nordirland gibt es keine solche Regel.

Dänemark

Anfang September feierte Dänemark, lange eines der Vorzeigeländer der Pandemiebekämpfung, seinen "Freedom Day". Doch inzwischen sind die Maßnahmen zurück. Ein vorzeigbarer Impfpass soll nun den Zugang zu bestimmten Lebensbereichen regeln. Auch in Dänemark sind die Infektionszahlen so hoch, wie seit dem Frühjahr nicht mehr. Pandemietreiber sind allerdings die zwölf Prozent der ungeimpften Dänen, so Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Sie seien größtenteils von den Infektionen betroffen. Eine Impfpflicht gibt es nicht.

Schweden

Schweden fuhr seit Beginn der Pandemie immer einen Sonderweg. Es gab nie viele Verbote, dafür aber auch viele Infizierte. Mehr als jeder zehnte Einwohner Schwedens hat sich mit Corona infiziert. Dafür hat die Bevölkerung vor allem in der ersten Phase der Pandemie teuer bezahlt. In dieser Zeit starben in Schweden proportional weit mehr Menschen als andernorts, mehr als 15.000 Schweden sind bislang insgesamt an Corona gestorben.

Dennoch scheint dieser Sonderweg in der vierten Welle bisher erfolgreich, die Inzidenz liegt dort aktuell nur bei 54. Trotzdem werden angesichts der Eskalation in den Nachbarländern auch in Schweden Vorschriften erlassen. Schweden müssen nun bei Veranstaltungen mit über 100 Teilnehmern einen Impfpass vorlegen - oder andere Einschränkungen hinnehmen. Von einer Impfpflicht ist das Land, trotz einer Impfquote von nur rund 69 Prozent, aber weit entfernt.

Italien

Bereits am 25. Mai hat Italien bei medizinischen Berufen eine Impfpflicht eingeführt. Diese wurde im Oktober auch auf Pflegeberufe ausgeweitet. Allerdings wollten sich hunderte Mediziner nicht impfen lassen. Sie sind seitdem vom Dienst suspendiert. Die jüngste Maßnahme in Italien ist der "Grüne Pass", der zunächst nur in der Freizeit galt, mit dem jetzt aber die 3G-Regel im Beruf einführt wird. Wer ohne diesen Pass zur Arbeit geht oder wenn Firmen diese nicht kontrollieren, drohen empfindliche Geldstrafen.

Die aktuellen Inzidenzzahlen in Italien liegen bei 114. Das ist im europäischen Vergleich noch ein ordentlicher Wert - allerdings sind dort auch mehr Menschen geimpft. Mitten in Italien, im Vatikan, dem offiziell kleinsten Land der Welt, gilt bereits seit Anfang Februar 2021 eine Impfpflicht für alle Bewohner und jede Person, die dort arbeitet. 

Spanien

Spanien ist das aktuelle Musterland in dieser Pandemie. Obwohl dort bereits im Sommer über eine Pflichtimpfung diskutiert wurde, hat es das Land auch ohne Zwang geschafft. Fast 80 Prozent der Menschen dort sind geimpft. Der spanische Inzidenzwert liegt mit 84 bei einem Fünftel des deutschen Wertes. In Spanien sind über 90 Prozent des Pflege- und Krankenhauspersonals vollständig geimpft. Zum Vergleich: In Ostdeutschland liegt die Impfquote unter Pflegekräften nur bei ungefähr 50 Prozent, im Westen dagegen soll sie zwischen 80 und 90 Prozent liegen. Die Gesamtimpfquote in Spanien liegt bei rund 80 Prozent, in Deutschland nur bei 68 Prozent.

Griechenland

Für Pflegekräfte gilt in Griechenland bereits seit Mitte August eine Impfpflicht. Sie wurde am ersten September auch auf den Gesundheitssektor ausgeweitet. Auch dort müssen Impfverweigerer mit unbezahlter Freistellung rechnen. Anders als in Spanien liegt dort die Impfquote allerdings auch nur bei ungefähr 60 Prozent. Dementsprechend virulent ist das Infektionsgeschehen in der Hellenischen Republik: Die Inzidenz liegt dort bei 457. Seit 21. November gilt das Land wieder als Hochrisikogebiet.

Ungarn

Bereits seit Mitte Juli besteht in Ungarn eine Impfpflicht für Pflegebedienstete. Die Inzidenz liegt dort bei über 680, seit dem 14. November gilt Ungarn als Hochrisikoland. Für staatliche Bedienstete gilt dort bereits seit Oktober eine Impfpflicht. Nun sollen Arbeitgeber von ihren Mitarbeitern einen Impfnachweis verlangen dürfen. Allerdings sind dort aktuell noch nicht einmal 60 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft. Zudem verschärfen sich auch die Einschränkungen für Ungeimpfte im öffentlichen Leben und in der Freizeit.

Ungarns Nachbarland Rumänien hat nur eine Impfquote von 37 Prozent und hat weltweit die höchste Todesrate in der Pandemie. Die vierte Welle scheint dort zwar vorüber - sie begann dort sehr früh und bereits im Oktober wurden wieder harte Maßnahmen verhängt - dennoch treibt das negative Beispiel dort auch Ungarn vor sich her.

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