In der katholischen Kirche bricht ein offener Streit aus

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Auf Konfrontationskurs: der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (links), und der Kölner Erbischo
Auf Konfrontationskurs: der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx (links), und der Kölner Erbischof Kardinal Rainer Maria Woelki. (Foto: dpa)
Bernward Loheide

Fünf Jahre nach der Wahl von Papst Franziskus wollen mehrere katholische Bischöfe in Deutschland den neuen Kurs nicht länger stillschweigend hinnehmen. Ihr Brandbrief an den Vatikan lässt ahnen, wie groß ihr Frust sein muss. Sie protestieren dagegen, dass evangelische Christen in Einzelfällen zur katholischen Kommunion zugelassen werden sollen. Diese Öffnung hatte die Deutsche Bischofskonferenz unter Vorsitz des Münchner Kardinals Reinhard Marx gegen die Stimmen der Kritiker im Februar mehrheitlich beschlossen. Dabei geht es ums Grundsätzliche: Soll sich die Kirche der Welt weiter öffnen oder nicht?

„Ein Misstrauensvotum“

„Der Brief ist ein deutliches Misstrauensvotum gegen Kardinal Marx und auch Papst Franziskus“, sagt der Kirchenexperte Ulrich Ruh, der viele Jahre die Fachzeitschrift „Herder-Korrespondenz“ leitete. Denn die Zulassung von Protestanten zur Kommunion entspricht ja genau dem Kurs des Papstes: Barmherzigkeit statt dogmatischer Strenge, Einzelfallentscheidungen statt starrer Verbote. „Die Wirklichkeit steht über der Idee“ – unter diesem Motto ermutigt Franziskus seit fünf Jahren die Bischöfe, Traditionen und Lehren infrage zu stellen. Zum Beispiel im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen: Diesen öffnete Franziskus in seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ den bisher versperrten Zugang zur Kommunion. Vier Kardinäle protestierten damals in einem offenen Brief dagegen, unter ihnen Kardinal Joachim Meisner. Ausgerechnet sein Nachfolger in Köln, Rainer Maria Woelki, führt nun die siebenköpfige Gruppe der Briefeschreiber an.

Auffällig viele Bischöfe aus Bayern sind dabei: der Erzbischof von Bamberg sowie die Bischöfe aus Augsburg, Eichstätt, Passau und Regensburg. Neben München fehlt nur noch Würzburg – aber der dortige neue Bischof Franz Jung wird erst im Juni in sein Amt eingeführt. Für Marx, der auch die Freisinger Bischofskonferenz der bayerischen Bistümer leitet, bedeutet das: Er ist dort fast isoliert.

Seine Freundschaft mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, dem bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Ist der Preis dafür die Entfremdung von seinen eigenen Amtsbrüdern? Konservative Kritiker warnen jedenfalls vor einer Protestantisierung der katholischen Kirche; sie sehen die Kontinuität der Lehre in Gefahr.

Die sieben Bischöfe haben nach Angaben des Kölner Erzbistums das Ziel, „nationale Sonderwege zu vermeiden und in einem ökumenischen Gespräch zu einer weltweit einheitlichen und tragfähigen Lösung zu kommen“. Das heißt: Sie wollen genau das nicht, was der Papst will – dass die Ortskirchen mehr Spielraum für eigene Entscheidungen bekommen und dass nicht alles zentral aus Rom vorgegeben werden muss.

Niemand aus der Bischofskonferenz ist so nah dran am Papst wie Marx als Mitglied des Kardinalsrats, der Franziskus bei seinen Reformen berät. Im Februar hat Marx eine Segnung homosexueller Paare in Aussicht gestellt. Auch das dürften die sieben abtrünnigen Bischöfe als Provokation empfunden haben.

Der Streit weckt Erinnerungen: 1999 hatte sich Kardinal Meisner an den Papst gewandt, weil er den Mehrheitsbeschluss der Bischofskonferenz zur Schwangerenkonfliktberatung nicht mittragen wollte. Ein Protest mit Erfolg: Rom zwang die deutschen Bischöfe zum Ausstieg aus der Beratungspraxis. Doch damals hieß der Papst Johannes Paul II.

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