Im Pflegebereich gibt es viele Grauzonen

Lesedauer: 4 Min
Ohne Pflegekräfte aus Osteuropa wäre die Pflege von Angehörigen zu Hause für viele Deutschen unmöglich.
Ohne Pflegekräfte aus Osteuropa wäre die Pflege von Angehörigen zu Hause für viele Deutschen unmöglich. (Foto: dpa)

Eine garantierte 24-Stunden-Pflege außerhalb vom Alters- oder Pflegeheim wird in Deutschland vor allem von osteuropäischen Pflegekräften gewährleistet. Jeder zehnte Pflegehaushalt beschäftigt eine solche Kraft. Eine deutsch-polnische Wissenschaftseinrichtung der Universitäten Cottbus und Breslau will Anfang 2019 dazu ein Faktenbuch liefern.

Bislang völlig ignoriert

Schon jetzt aber steht für Professor Lothar Knopp, den geschäftsführenden Direktor des deutsch-polnischen Netzwerkes für öffentliches Recht, fest, dass die deutsche Politik etwas tun muss. „Anstatt gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, wird einfach weggeschaut“, klagt er. Die Versorgung mit osteuropäischen Pflegekräften sei „ein Markt, der sich vor langem entwickelt hat und von der deutschen Gesundheitspolitik völlig ignoriert wird.“ Knopp weiß – auch eigener Erfahrung –, dass für eine 24-Stunden-Betreuung zuhause nur der Weg über die ausländischen Pflegehilfen bleibe. Das Gros der Deutschen werde über Vermittlungsagenturen versorgt oder über Anbieter, bei denen die Pflegehilfen angestellt sind. War es am Anfang noch ein rein deutsch-polnischer Markt, so werden jetzt längst Pflegehilfen auch aus Rumänien und Bulgarien gewonnen.

Knopp wollte die Anbieter in einer großen Studie über ihre Qualitätsstandards und Arbeitsbedingungen befragten, doch nur ein Fünftel von 103 Pflegeanbietern antwortete überhaupt. Das Unternehmen Promedica gab bereitwillig Auskunft. Es beschäftigt 8000 Pflegehilfen in Deutschland. In der Regel sind es Frauen über 50, die deutsche Pflegefälle versorgen. Sie kommen sechs Wochen am Stück nach Deutschland und verdienen hier nach Angaben des Unternehmens das dreifache von dem, was sie zu Hause bekommen könnten.

Die Kosten für eine solche Hilfskraft liegen bei rund 2500 Euro, das ist das gleiche und oft sogar billiger als ein Platz in einem deutschen Altersheim. Zieht man das Pflegegeld für Stufe 3, den Zuschlag für Verhinderungspflege und den Steuervorteil ab, so blieben 1000 bis 1500 Euro für den Kunden selbst übrig. Die Betreuungskraft ist in der Regel 51 Jahre alt, ihr Kunde im Schnitt 82 Jahre.

Viele Pflegehilfen sind illegal in Deutschland und helfen unter der Hand. Dabei können Probleme auftreten: Wenn der Pflegehelfer selbst krank wird oder der zu Pflegende stirbt, gibt es für sie keine Absicherung.

Seitens der deutschen Gesetzgebung fehlen Standards und rechtliche Rahmenbedingungen, sagt Lothar Knopp. Viele Anbieter nutzten daher die übergroße Nachfrage aus. Der Markt für 24-Stunden-Betreuung habe seine eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickelt, es gebe Grauzonen zwischen Legalität und Illegalität. Knopp empfiehlt als Vorbild Österreich, wo die Pflege auch aus Finanzmitteln eines Schwerbehindertenfonds bestritten wird.

Benachteiligte Ausländer

Zeitgleich veröffentlichte die Hans-Böckler-Stiftung eine Studie, aus der hervorgeht, dass Pflegekräfte mit Migrationshintergrund in Deutschland oft schlechtere Arbeitsbedingungen haben als ihre deutschen Kollegen. Sie würden mehr unbezahlte Überstunden leisten und häufiger von den Betreuten und ihren Angehörigen kritisiert.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen