Im Kirchenstreik „Maria 2.0“ entlädt sich tiefer Frust engagierter Katholikinnen

Lesedauer: 6 Min
Mehrere Hundert Frauen und Männer versammeln sich zu einer Mahnwache vor dem Dom in Münster, um gegen Machtstrukturen in der Kir
Mehrere Hundert Frauen und Männer versammeln sich zu einer Mahnwache vor dem Dom in Münster, um gegen Machtstrukturen in der Kirche und die Vertuschung von sexuellem Missbrauch zu protestieren. (Foto: dpa)
Andreas Otto und Gabi Ruf-Sprenger

Mit einer solchen Resonanz haben die fünf Münsteranerinnen selbst nicht gerechnet. Ihr Aufruf zu einem Kirchenstreik gegen Männerdominanz bei den Katholiken verbreitete sich am Wochenende wie ein Lauffeuer und trat eine bundesweite Protestwelle los. Frauen an Hunderten von Orten beteiligen sich an der Initiative „Maria 2.0“ und bestehen gerade nach dem Missbrauchsskandal auf einer Erneuerung der Kirche. Ganz laut ist der Ruf nach der Priesterweihe für Frauen. In Biberach protestierten am Samstag 200 Frauen und Männer gegen den Missbrauch von Schutzbefohlenen, den Pflichtzölibat und die Ausgrenzung von Frauen in Weiheämtern innerhalb der Amtskirche.

Im westfälischen Münster sagt Mitinitiatorin Lisa Kötter mit Blick auf die Resonanz: „Der Frust und die Sehnsucht nach Neubeginn in der Kirche ist groß.“ An der „Graswurzelaktion“ beteiligen sich auch viele ältere Menschen und zu einem Drittel Männer. Genaue Zahlen kann die von dem überwältigenden Zuspruch überraschte Kleingruppe nicht nennen; schätzungsweise nähmen mehrere hundert Initiativen teil. Selbst international gibt es Resonanz, wie die umfangreiche Liste von Presseartikeln auf der Website „Maria 2.0“ zeigt. Bis kommenden Samstag wollen die Frauen kein Gotteshaus betreten und keine ehrenamtlichen Dienste verrichten.

Aktionen im Südwesten

Auch im Südwesten stößt die Initiative auf ein breites Echo: Über 40 Veranstaltungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart sind angekündigt, darunter viele Gottesdienste vor der Kirchentür, aber auch eine Protest-Wallfahrt, Filmabende oder alternative Sitzungen.

Besonders aktiv: der Katholische Frauenbund Biberach (KDFB). Das Vertrauen in die Institution Kirche sei durch die Missbrauchsfälle zutiefst erschüttert, sagt die in Biberach wohnende KDFB-Diözesanvorsitzende Karin Walter. Die Kirche sei in einer existenziellen Krise. Deshalb müssten die kirchlichen Machtstrukturen von Grund auf verändert werden. Frauen müssten in allen Entscheidungsebenen der Kirche beteiligt werden und damit auch an den Ämtern.

Beten alleine helfe nicht, argumentiert Walter weiter. Es brauche andere, weitere Zeichen. Viele Gläubige seien bereits aus der Kirche ausgetreten, darunter viele aus der Generation 50 plus und damit diejenigen, die der Kirche jahrelang Vertrauen geschenkt und die Treue gehalten hätten. Karin Walter: „Wir fürchten, unsere Kirche fährt gegen die Wand. Wir treten aber nicht aus, sondern wollen eintreten für die notwendigen Veränderungen und längst fällige Reformen in unserer Kirche.“

Zurück nach Münster, wo mindestens 500 Frauen zu einer Mahnwache zusammenkommen. Bei einem Wortgottesdienst ohne Kommunionfeier prangert Initiatorin Kötter die „unzeitgemäße und ungerechte Benachteiligung der Hälfte der getauften Kinder Gottes“ in der katholischen Kirche an. Am Ende ziehen die Teilnehmer zum nahen Bischofshaus und beten singend um das Kommen des Heiligen Geistes.

Auch im organisierten Katholizismus stößt „Maria 2.0“ auf Zustimmung: „Unsere Geduld ist am Ende“, sagt die stellvertretende Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Claudia Lücking-Michel, dem ZDF. „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Ihre Kinder und Freunde fragten sie immer wieder, wie sie einer Organisation angehören könne, die Frauen ausschließe.

Bei der Kirchenspitze dagegen stößt „Maria 2.0“ auf ein geteiltes Echo. „Die deutschen Bischöfe verstehen die Unruhe“, sagt der Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp. Änderungsbedarf werde auch im Vatikan gesehen. Reformen könne es aber nur „Stück für Stück“ geben. „Wir brauchen einen Dialog“, so Kopp im ZDF. Streik sei da nicht das richtige Mittel.

Aus dem Nachbarbistum Osnabrück kommt am Wochenende Unterstützung:. „Ich finde die Aktion gut, um ein Zeichen zu setzen für mehr Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche. Die Ungeduld vieler Frauen in der katholischen Kirche muss man wahrnehmen“, sagt Bischof Franz-Josef Bode auf der Facebookseite des Bistum. Dahinter stecke eine ganz tiefe Verletzung, dass sich Frauen in der Kirche nicht so angenommen fühlen, wie es ihrem Einsatz entspricht.

Gegenwind kommt am Wochenende vor allem von konservativen Gruppierungen wie dem Forum Deutscher Katholiken. Die Forderung von „Maria 2.0“ widerspreche dem Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II. In dem vor 25 Jahren veröffentlichten Schreiben sei endgültig festgelegt, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen zu Priestern zu weihen.

Verständnis für den Frust der Frauen bekundet der Freiburger Erzbischof Stephan Burger – und betont zugleich, dass das Kirchenrecht derzeit keinen Spielraum für Reformen lasse. Wie letztverbindlich die Aussage des früheren Papstes sind, das werde derzeit „kontrovers diskutiert“.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen