„Ich muss den Terror heute als einen Faktor in unserem Leben hinnehmen“

Lesedauer: 6 Min

Ist durch seine Arbeit im Orden und seine frühere Tätigkeit als Abtprimas der Benediktiner weit gereist: Notker Wolf.
Ist durch seine Arbeit im Orden und seine frühere Tätigkeit als Abtprimas der Benediktiner weit gereist: Notker Wolf. (Foto: Anja Schuster)
Schwäbische Zeitung

Seit gut einem halben Jahr ist Notker Wolf nicht mehr Abtprimas der Benediktiner. Der 76-Jährige ist damit zwar nicht mehr weltweiter Sprecher von rund 20000 Ordensmitgliedern, doch er hat immer noch einiges zu sagen. Im März erschien sein neues Buch „Schluss mit der Angst – Deutschland schafft sich nicht ab“. Anja Schuster hat mit ihm gesprochen.

Wer entscheidet sich überhaupt noch für den Weg ins Kloster?

Zum einen sind es diejenigen, die die geistliche Dimension ihres Lebens suchen. Es gehen ja viele auf die Suche nach Spiritualität. Zum anderen kommen diejenigen zu uns, die nach einer guten Gemeinschaft Ausschau halten, in der sie sich zu Hause fühlen können. Und dann gibt es bei uns auch noch solide Arbeit.

Wie meinen Sie das?

Na, ich muss ja wissen, was ich tue. Wenn ich am Abend nicht weiß, was ich getan habe, ist das recht frustrierend. Das ist doch auch das Problem der Arbeitslosen: Sie wissen einfach nicht mehr, wofür sie da sind, wer sie sind und was sie wert sind. Das ist genauso das Problem der Flüchtlinge. Was sollen die jungen Kerle denn tun, wenn sie keine Chance haben, arbeiten zu gehen. Irgendwo müssen sie ja hin mit ihrer Energie. Wir tun gerade so, als wären sie leiblose Wesen und wundern uns dann, wenn bei ihnen irgendwas durchbrennt. Ich würde mir bei uns in allem wieder mehr Realismus wünschen. Wir sollten wieder mehr vom Menschen her denken. Der Mensch ist eben von Natur aus kein Held. Jeder hat seine Schwächen. Das ist nicht tragisch, aber ich muss darum wissen.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat eine Diskussion über Agenda 2010 angestoßen. Man hätte mit den Reformen auch den Mindestlohn einführen und die Superreichen stärker belasten sollen, sagt er. Wie beurteilen Sie diesen Vorstoß?

Ich habe immer etwas Bauchgrimmen, wenn ich das Wort Umverteilung höre. Denn natürlich stellt sich die Frage: Wie kann ich eine gerechtere Ordnung herstellen? Es können viele Leute mit dem Geld nicht vernünftig umgehen. Ferner bleibt zu bedenken: Wie stelle ich den Betrug ab, sprich die Steuerflucht, sodass mehr Geld für die Allgemeinheit bliebe?

Würden Sie die Einführung einer Vermögensteuer befürworten?

Ja, ab einer bestimmen Größenordnung würde ich das bei Privatvermögen durchaus für sinnvoll halten. Es ist sicherlich nicht zu niedrig gegriffen, wenn ich sage ab zehn Millionen. Aber auf der anderen Seite zahlen diese Personen schon sehr viele Steuern. Es gibt so viel Sozialneid. Wenn es einer schafft, eine Firma so in Schwung zu halten, dass Tausende Arbeitsplätze gesichert sind, ich glaube, dann ist das auch ein wichtiger Faktor, den es anzuerkennen gilt.

Die aktuelle politische Debatte in Deutschland ist derzeit ziemlich aufgeheizt, Stichwort AfD. Wie sehen Sie die Rolle der katholischen Kirche in dieser Situation?

Nun, ich könnte sagen: „Schlagt euch die Köpfe ein.“ Nein, es ist eine politische Partei oder zumindest gibt sie sich so. Da muss sich die Kirche vom Prinzip her zunächst außen vor halten. Es bringt nichts, sich einzumischen. Man müsste mit den Leuten diskutieren, aber sie sind so ideologisch festgefahren, dass eine sachliche Diskussion nicht möglich erscheint.

Seit dem Anschlag in Berlin ist auch Deutschland unmittelbar vom Terror betroffen: Wie sollten Ihrer Meinung nach die Staatengemeinschaft und die Kirche auf diese Bedrohung reagieren?

Nur mit aller Ruhe und Aufklärung. Ich muss den Terror heute als einen Faktor in unserem Leben hinnehmen, so wie ich mögliche Verkehrsunfälle hinnehmen muss. Der Terror ist einfach heute ein Unsicherheitsfaktor, und das gibt es immer wieder.

Letzte Frage: Seit September vergangenen Jahres sind Sie nicht mehr Abtprimas. Wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Etwas hat sich auf jeden Fall nicht verändert: Ich bin ständig auf Achse.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen