Horror wie bei Fritzl: Inzestfall schockt Italien

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Deutsche Presse-Agentur

25 Jahre ist „Laura“ vom eigenen Vater und Bruder vergewaltigt worden, 22 Jahre eingesperrt in einem dunklen Zimmer. Nach der Aufdeckung dieses schweren Falls von Inzest in Turin steht Italien unter Schock.

„Der Horror, den niemand sah“, titelte die Turiner Tageszeitung „La Stampa“ am Samstag und legte damit den Finger in die Wunde. Denn wie im Fall Fritzl in Österreich drängt sich auch hier die Frage auf, wieso niemand etwas bemerkt haben will.

Der „Padre, Padrone“ (Vater und Herrscher) soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Turin mit seinen Übergriffen auf die heute 34-Jährige - von der italienischen Presse fiktiv „Laura“ getauften Frau - begonnen haben, als das Mädchen neun Jahre alt war. Als sie zwölf wurde, habe der jetzt 63-jährige seine älteste Tochter gezwungen, das Leben eines Schulmädchens gegen eine dunkle Kammer einzutauschen, wo die junge Frau bis vor kurzem regelmäßig von ihm und ihrem ältesten Bruder vergewaltigt und misshandelt wurde.

Dabei habe der Vater nach Angaben der Ermittler eine Art gruselige „Tradition“ geltend gemacht, nach der das „Oberhaupt der Familie“ uneingeschränktes Recht auf die älteste Tochter hatte. Das Mädchen sei zwar „physisch frei“, aber so psychisch abhängig von seinem Vater gewesen, dass es nichts ohne diesen getan hätte, bestätigte die Staatsanwaltschaft der Deutschen Presse-Agentur dpa. Der heute 41-jährige Bruder des Opfers soll die Horror-Tradition seines Vaters übernommen haben: Auch ihm werden Vergewaltigung und Misshandlung seiner eigenen vier Töchter im Alter von sechs bis 20 Jahren vorgeworfen. Wie konnte so viel Grauen unbemerkt über Jahre geschehen?

„Die Kinder erzählen so viel. Wenn zuhause etwas nicht stimmt, merkt man das früher oder später. Und doch ist uns nichts aufgefallen“, sagt die ehemalige Grundschullehrerin des Opfers. Auch der Priester des Viertels im Norden von Turin, wo die Familie zuhause ist, fühlt sich verantwortlich. „Der Fall ist uns leider durch die Lappen gegangen“, sagt Don Lino Montanelli. Manch einem Nachbarn war die krankhafte Zuneigung des Vaters gegenüber seiner Ältesten dabei durchaus aufgefallen. Doch „waren es nur so Vermutungen. Wer hätte ahnen können, was das Schwein mit seiner Tochter macht“, wehren sich die schockierten Nachbarn heute. Und außerdem kümmere sich schließlich „jeder um seinen eigenen Dreck.“

Am unverständlichsten bleibt Medien und Beobachtern das Unwissen der Sozialbehörden. Ein behinderter Bruder des Opfers stand unter regelmäßiger Beobachtung der Fürsorge. Vor 15 Jahren war der Vater zudem beim Stehlen von Kleidern zusammen mit einigen seiner Kinder erwischt worden. Spätestens damals sei die Familie von den Behörden als „Risiko-Familie“ eingestuft worden. Und dennoch sei kein Sozialarbeiter, Lehrer, Priester oder Nachbar eventuellen Zweifeln nachgegangen. Die Beamten verteidigen sich: Sie hätten „kein Recht, ohne effektiven Hilferuf in die Privatsphäre einer Familie einzudringen“, so Jolanda Seri, Mailänder Vize-Polizeichefin.

Als ebenso erschütternd wird die Fehleinschätzung durch Psychologen und Gutachter beurteilt. 1994 ging die junge Frau erstmals - von ihrem Vater begleitet - zur Polizei, um Anzeige wegen sexueller Nötigung - wenn auch gegen einen Onkel - zu erstatten. Die damals eingesetzten Gutachter erkannten die Notlage der Frau aber nicht, ein Experte der Polizei nannte ihre Anschuldigungen unglaubwürdig. Die Anzeige wurde fallen gelassen. Heute geben die Ärzte zu, die 34-Jährige leide unter „für sexuellen Missbrauch typischen, post-traumatischen Persönlichkeitsstörungen“.

Im Oktober vergangenen Jahres nahm die Polizei schließlich Ermittlungen auf, nachdem das Opfer den Bruder, der in Haft sitzt, der Vergewaltigung bezichtigte. Durch dauerhafte Beschattung und Abhörung war es den Ermittlern jetzt möglich, auch die jahrelange Gewalt des Vaters aufzudecken und diesen festzunehmen. Der Vater und „Herrscher“ streitet laut italienischen Medienberichten alle Vorwürfe ab.

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