Guten Freunden gibt man ein Küsschen

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Barack Obama auf Abschiedstour: Drei Tage lang besucht er Berlin.
Barack Obama auf Abschiedstour: Drei Tage lang besucht er Berlin. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Andreas Herholz
Redakteur

Ein Küsschen am Abend zur Begrüßung. Überraschend treffen sich US-Präsident und Kanzlerin bereits kurz nach der Landung der Präsidentenmaschine Air Force One auf dem Flughafen Tegel. Dann lädt Barack Angela Merkel zum Dinner ins Hotel Adlon am Pariser Platz nahe der amerikanischen Botschaft ein, wo der mächtigste Mann der Welt bis Freitag mit seinem Stab residiert. Eine erste Begegnung und ein Gespräch bereits vor dem offiziellen Empfang im Kanzleramt – ein Zeichen für die hohe gegenseitige Wertschätzung und die Vertrautheit zwischen den beiden Politikern.

Obama kam aus Athen, wo er seine wohl letzte große Rede an die Welt gehalten hatte, eine Art politisches Vermächtnis. In Athen, der Wiege der Demokratie, rief er zu deren Wahrung auf und zum Kampf gegen Populismus. Dies müsse besonders dann gelten, wenn Wahlergebnisse nicht so ausfielen, wie man es sich wünsche, sagte Obama mit Blick auf den Wahlsieg von Donald Trump in den USA. Demokratie sei zwar nicht perfekt, aber immer noch die beste Staatsform, sagte Obama am Mittwoch unter tosendem Applaus in Athen. In Berlin ist keine Rede mehr geplant.

Polizisten und Scharfschützen

Es gilt Sicherheitsstufe eins plus in der Hauptstadt. 5000 Polizisten sichern den Besuch von Obama. Teile des Regierungsviertels werden abgeriegelt, jeder Meter der Präsidenten-Kolonne mit mehr als 40 gepanzerten Fahrzeugen wird auf dem Weg durch die Stadt überwacht, und nicht nur auf dem Kanzleramt sind Scharfschützen postiert. Knapp drei Tage lang wird das Berliner Regierungsviertel zur Hochsicherheitszone. Seit Tagen bereits bereiten Polizei, Bundeskriminalamt und Secret Service den Besuch vor.

Komplimente und Freundlichkeiten, noch bevor er überhaupt da ist: „Sie war die engste Verbündete meiner achtjährigen Präsidentschaft“, schwärmt Barack Obama. Er freue sich auf seine Reise, blickt der scheidende US-Präsident auf seine Abschiedstour. Goodbye in Berlin – eigentlich sollte die gemeinsame Eröffnung der Hannover-Messe im April bereits die letzte Begegnung auf deutschem Boden gewesen sein. Im Kanzleramt rechnete man eigentlich nicht mehr mit einem weiteren Deutschlandbesuch.

Jetzt ist er doch noch einmal gekommen, um Abschied zu nehmen. Ein Hauch von Wehmut im Kanzleramt nach acht Jahren einer politischen Beziehung mit Höhen und Tiefen, mit Aufs und Abs. Obama in Berlin – an Gesprächsstoff mangelt es bei dem Besuch nicht.

Zum Beispiel Donald Trump. Merkel und ihre Berater haben bisher keine Kontakte zu Obamas Nachfolger. Trump hatte im Wahlkampf die Kanzlerin heftig wegen ihrer Flüchtlingspolitik kritisiert. Ob das Handelsabkommen zwischen den USA und der EU, ob Klimaschutz, ob Syrien, der Kampf gegen den IS, Brexit oder Griechenland und der Euro – die politische Tagesordnung ist lang. „Eine Rückkehr in eine Welt vor der Globalisierung wird es nicht geben“, schreiben Merkel und Obama in einem gemeinsamen Gastbeitrag für die „Wirtschaftswoche“. Deutsche und Amerikaner müssten Verantwortung übernehmen und „die Globalisierung nach unseren Werten und Vorstellungen“ gestalten. Angesichts der großen Herausforderungen „ist eine Zusammenarbeit wichtiger als jemals zuvor“, versichern Kanzlerin und Präsident – verbaler Schulterschluss bereits vor dem Besuch.

Trotz eines dichten Programms soll Zeit für Persönliches und Privates bleiben. Am Donnerstag gehört Obama zunächst noch Merkel allein. Auf der Tagesordnung stehen Gespräche unter vier Augen und im erweiterten Kreis und schließlich ein Abendessen im Kanzleramt. Für Freitag dann hat Merkel Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande und die Regierungschefs von Spanien, Italien und Großbritannien, Mariano Rajoy, Matteo Renzi und Theresa May, zu einem europäisch-amerikanischen Abschiedsgipfel in die Berliner Regierungszentrale eingeladen.

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