Google: In zehn Jahren zum Weltkonzern

Lesedauer: 10 Min
Deutsche Presse-Agentur

Internet und Google, diese Begriffe sind heute nicht mehr zu trennen. Im Akkord stellt der Konzern aus Kalifornien neue Produkte vor, zuletzt seinen eigenen Internet- Browser Chrome. Doch trotz aller nützlichen und zumeist kostenlosen Anwendungen für E-Mail und Textverarbeitung, trotz der Portale für Videos, Fotos und Blogs - Geld verdient Google fast ausschließlich mit der Werbung in seiner Suchmaschine. Vor zehn Jahren, am 7. September 1998, legten Larry Page und Sergey Brin mit der Gründung von Google Inc. den Grundstein für den heutigen Erfolg.

Große Zuneigung war es nicht, die Page und Brin, beide Jahrgang 1973, anfangs verband. Als sich die Informatik-Doktoranden 1995 an die Elite-Universität Stanford kennenlernten, stritten sie über fast jedes Thema. Eins schweißte sie aber zusammen - die Frage, wie man in einem Datenberg wie dem Internet relevante Informationen findet. In einem Projekt entwarfen sie eine Suchmaschine, deren Konzept Google zugrundeliegt. Die Kern-Idee: Je öfter per Hyperlink auf eine Website verwiesen wird, desto wichtiger muss sie sein. Das zu messen, war eine komplexe Aufgabe - Page und Brin meisterten sie als erste.

Nach einer Testphase an der Uni wagten die beiden den Sprung in die weite Internet-Welt. Mit 1,1 Millionen Dollar Risikokapital - darunter einem Scheck über 100†000 Dollar vom deutschen Informatiker Andy Bechtolsheim - im Rücken gründeten sie eine Firma und zogen in eine Garage in Menlo Park, Kalifornien. Wie gut ihre Arbeit war, zeigte sich bald: Zwei Jahre später war Google die führende Suchmaschine im rasant wachsenden Internet, nicht zuletzt dank einer Kooperation mit AOL.

Die Relevanz der Suchergebnisse sei der Grundstein für Googles Erfolg, sagt Dirk Lewandowski, Professor für Informationswissenschaft an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg: „Man konnte den Unterschied sehen.“ Heute sei Google im Vergleich zu Konkurrenten wie Yahoo! kaum noch besser - aber die Marke profitiere vom guten Image. Ein weiterer Erfolgsfaktor: Der Internet-Konzern verfügte von Anfang an über ein stabiles Netz von Rechnern, das die Ergebnisse schnell und zuverlässig ausspuckte. Nicht zuletzt überzeugte die übersichtliche Startseite. Bis heute steht dort keine Werbung.

Page und Brin standen jedoch vor einem Problem, an dem schon viele Internet-Gründer gescheitert sind: Wie macht man aus den zahlreichen Nutzern Geld? Die simple wie clevere Antwort: Indem man Kleinanzeigen verkauft, die genau in den Kontext der Suchbegriffe passen. Über das System AdWords können Werbende festlegen, bei welchen Begriffen ihre Werbung erscheinen soll. Der Preis wird über ein Auktionsverfahren ermittelt. Zahlen müssen sie nur, wenn der Nutzer auch klickt.

„Google hat einen eigenen Markt entwickelt, den es vorher nicht gab“, sagt Veit Siegenheim, Berater bei Accenture und Co-Autor des Buches „Die Google-Ökonomie“. Werbung im Netz lohnte sich erstmals auch für kleinste Unternehmen. Die Erlöse pro Klick beginnen heute laut Siegenheim bei wenigen Cent, reichen aber bis hin zu 80 Dollar, die etwa einige US-Anwälte locker machen.

Hohe Reichweite plus geschickte Vermarktung von Werbung auf der eigenen Seite wie auch bei Partnern - das war die Erfolgsformel. Die sprudelnden Gewinne investierte Google zu einem guten Teil in Zukäufe und die eigenen Ingenieure. Erst so konnte das Unternehmen Produkt nach Produkt auf den Markt bringen und zum allumfassenden Internet- Konzern werden, der dem Windows-Riesen Microsoft den Rang streitig macht. Doch die Produktvielfalt schlägt sich bisher nicht in der Bilanz nieder: 2007 stammten rund 96 Prozent des Umsatzes von 16,6 Milliarden Dollar aus der Suchmaschinen-Werbung.

„Die größte Herausforderung besteht in der Diversifizierung“, sagt Veit Siegenheim. Google müsse die Abhängigkeit von der zyklischen Werbung reduzieren. So ist der Aktionismus zu verstehen, den das Unternehmen an den Tag legt. Ob mit dem teuer gekauften Videoportal YouTube, der Handy-Plattform Android oder dem in den USA getesteten System für Fernseh- und Radiowerbung: Google will überall eine Rolle spielen, wo es um die Verarbeitung von Informationen geht - und möglichst bald auch daran mitverdienen.

Chronologie

- 1995-1998: Larry Page und Sergey Brin lernen sich an der Elite- Universität Stanford kennen und arbeiten gemeinsam an einer Suchmaschine.

- 7. September 1998: Gründung der Google Inc. Das Unternehmen zieht in eine Garage in Menlo Park, Kalifornien. Die vorläufige Beta- Version der Suchmaschine beantwortet täglich 10 000 Anfragen.

- 21. September 1999: Die Suchmaschine erhält den endgültigen Status. Dank einer Kooperation mit AOL nutzen täglich drei Millionen Nutzer die Suche. - 2000: Start der Werbeplattform AdWords. Die darüber erzielten Erlöse tragen heute rund zwei Drittel zum Umsatz bei.

- August 2001: Der erfahrene Manager Eric Schmidt, vorher unter anderem Chef des Technologie-Unternehmens Novell, übernimmt die Unternehmensführung.

- September 2002: Der Suchdienst Google News für Nachrichten geht online.

- April 2004: Der E-Mail-Dienst Googlemail geht an den Start.

- 19. August 2004: Börsengang - der Ausgabekurs von 85 Dollar liegt am unteren Ende der Preisspanne.

- Februar 2005: Ankündigung des Karten-Dienstes Google Maps. - Oktober 2006: Google kauft das führende Videoportal YouTube. Der Preis für das damals defizitäre Unternehmen beträgt 1,65 Milliarden Dollar in Aktien.

- November 2007: Google kündigt den Einstieg in das Mobilfunkgeschäft an. Gemeinsam mit Telekommunikations- und Technologieunternehmen - darunter die Deutsche Telekom - will der Internet-Konzern das Handy- Betriebssystem Android entwickeln. Die Aktie erreicht den Rekordkurs von 747,24 Dollar.

- September 2008: Der Internet-Browser Chrome geht in einer Beta- Version an den Start. Millionen Nutzer laden ihn herunter. Der Aktienkurs ist inzwischen wieder auf rund 450 Dollar gesunken, weil sich der Markt über mögliche Auswirkungen der US-Konjunkturschwäche auf das Google-Geschäft sorgt.

Nach wie vor nutzen die meisten Menschen Google vor allem zur Suche im Internet. Der Konzern hat jedoch inzwischen ein ganzes Universum an Programmen und Diensten aufgebaut, die in ihrer Gesamtheit zu einer ernsthaften Bedrohung für den Windows-Riesen Microsoft werden. Jüngster Neuzugang ist Googles eigener Internet-Browser Chrome, der nicht nur Microsofts Konkurrenzprodukt Internet Explorer herausfordern kann, sondern am Ende möglicherweise auch das weltweit dominierende Computer- Betriebssystem Windows. Den verschiedenen Google-Ideen war höchst unterschiedlicher Erfolg beschert. Das soziale Netzwerk Orkut konnte sich in Lateinamerika durchsetzen, ist im Rest der Welt aber eher unbedeutend. Der Dienst Google Answers, bei dem man sich von anderen Nutzern für eine kleine Belohnung Fragen beantworten lassen konnte, wurde inzwischen eingestellt. Und Google Video, von Anfang an nur mäßig erfolgreich, steht nun ganz im Schatten des teuer zugekauften Marktführers YouTube.

Das sind jedoch nur einige wenige Fehlschüsse in einer Serie von Volltreffern, die das Internet veränderten. Die Programme AdWord und AdSense verknüpfen Werbe-Anzeigen mit Internet-Suchergebnissen und lieferten damit die Grundlage für den Aufbau eines Milliarden- Geschäfts. Die Karten-Dienste Google Maps und der virtuelle Globus Google Earth dienen als Plattform für unzählige ortsbezogene Anwendungen. Googles kostenlose Büroprogramme, die über das Internet laufen, treten gegen Microsofts etabliertes Office-Paket an. Und der E-Mail-Dienst Google Mail konkurriert erfolgreich mit anderen ähnlichen Angeboten.

Das größte aktuelle Projekt neben dem Browser Chrome ist das von Google mitinitiierte Handy-Betriebssystem Android, dass dem Konzern helfen könnte, seine starke Position auch auf die mobile Internet- Nutzung auszuweiten. Das Wissens-Projekt Google Knol ist eine Alternative zur Online-Enzyklopädie Wikipedia. Und auch die mit Verlagen heftige umstrittene Initiative Google Book Search, bei der Google alle veröffentlichten Bücher einscannen und online durchsuchbar machen will, könnte noch an Bedeutung gewinnen.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen