Gewalt gegen Frauen: Ein globales Männerproblem

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Absperrband der Polizei an einem Baum
Blumen sind am 18.10.2016 mit einem Absperrband an einem Baum in Freiburg befestigt. (Foto: Patrick Seeger / DPA)

Nach den Ereignissen in Freiburg und Bochum gibt es eine Debatte über Gewaltverbrechen von Flüchtlingen gegen Frauen in Deutschland. Die Politik müsse die Aufklärung bei Migranten verbessern, die unsere Grundwerte ablehnten, sagte die islamische Religionspädagogin und Buchautorin, Lamya Kaddor, im Gespräch mit Alexei Makartsev und Sarah Schababerle.

Ein Teil der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, hat ein reaktionäres Frauenbild, das nicht zu unserer liberalen und offenen Gesellschaft passt. Wie groß ist dieses Problem in Ihren Augen?

Es ist tatsächlich groß und ich empfinde es als dringlich, auch was unseren Umgang damit betrifft. Wir müssen hier frühzeitig ansetzen und versuchen, diese Menschen zu erreichen. Ob wir sie davon überzeugen können, ihr Frauenbild zu ändern, weiß ich nicht. Aber unser Ziel muss mindestens sein, dass diese Menschen akzeptieren, wofür unsere Gesellschaft steht. Wir müssen klar signalisieren, dafür stehen wir ein und wir weichen nicht zurück.

Woran liegt es, dass manche jungen Männer, die hier Zuflucht vor Krieg und Not suchen, sich nicht nach unseren Werten richten?

Es kann an der anderen Sozialisation liegen, die unterscheidet sich natürlich von Land zu Land. Und das betrifft übrigens nicht nur Muslime, auch in anderen Gesellschaften wie der indischen ist in Teilen ein Geschlechtsverständnis vorhanden, welches aus unserer Sicht problematisch ist. Junge Männer haben dies möglicherweise so sehr verinnerlicht, dass sie alles andere ablehnen. Oder dass wir sie mit unseren Vorstellungen nicht erreichen konnten.

Hat die Politik das Problem bisher nicht ernst genug genommen?

Doch, spätestens seit den Übergriffen in Köln haben wir dieses Phänomen als ernst betrachtet und diskutiert. Was mir aber fehlt, sind die politischen Schlüsse aus dieser Debatte. Was müssen wir tun, damit wir die Menschen von unseren Grundwerten überzeugen können? Es reicht nicht, nur Integrationskurse und Sprachkurse anzubieten. Vielleicht müssten wir das auch in den Schulen thematisieren, bei der Erwachsenenbildung oder uns noch etwas anderes überlegen im Sinne einer demokratischen Aufklärung, aus der man Geschlechtergerechtigkeit ableiten kann. Auch der Antisemitismus ist sicher ein Problem, mit dem wir uns in Zukunft stärker auseinandersetzen müssen. Denn wir müssen davon ausgehen, dass eine nennenswerte Anzahl von Menschen, die in unser Land kommen, eine problematische Einstellung zu religiösen Minderheiten hat.

Es gibt Vorwürfe, dass ein Großteil der Flüchtlinge durch ihre Frauenfeindlichkeit und ihre Ablehnung von Homosexualität nicht integrationsfähig ist. Wie sehen Sie das?

Dafür müsste man zunächst definieren, wann man als integriert gilt. Reicht es also, wenn Flüchtlinge Homosexuelle nur tolerieren, oder müssen sie sie auch akzeptieren und respektieren? Die Toleranz wäre die Mindestvoraussetzung, und ich glaube, dass wir das erreichen könnten. Bei vielen Deutschen haben wir bis heute auch nicht mehr erreicht. Im Optimalfall bringen wir aber die Flüchtlinge dazu, Respekt vor jedem Lebensentwurf zu haben. Das ist nicht unmöglich, gerade bei jüngeren Menschen, deren Sozialisierung wir noch mitgestalten können.

Verbrechen gegen Frauen wie in Köln, Freiburg und jetzt in Bochum heizen die Debatte über kriminelle Flüchtlinge an. Ist sie berechtigt, obwohl es statistisch gesehen sehr viel mehr deutsche Vergewaltiger gibt als ausländische Täter?

Wir alle sind emotionale Wesen, und natürlich darf man emotional, moralisch und empört auf solche Gewaltverbrechen reagieren. Aber das darf nie der Grund sein, aus einem emotionalen Impuls heraus innenpolitische Handlungen abzuleiten. Das ist besonders wichtig in dieser angeheizten Stimmung, die wir gerade erleben. Wir können jedenfalls nicht anfangen darüber zu diskutieren, ob wir überhaupt noch muslimische, männliche Flüchtlinge in Deutschland aufnehmen sollen. Damit würden wir auch den Opfern nicht gerecht werden. Denn ein Opfer von Gewalt interessiert es wenig, ob nun ein Mensch mit Migrationshintergrund oder ein hier geborener und hier sozialisierter Deutscher die Gewalt ausübt. Ich fände es zu einfach, so zu diskutieren. Wichtig ist es, das Problem differenzierter zu benennen und solche Taten wirklich hart zu bestrafen. Dabei dürfen wir auch nicht vergessen, dass Gewalt gegen Frauen ein globales Männerproblem bleibt. Dagegen muss man generell vorgehen.

Sehen Sie die Gefahr, dass eine solche aufgeheizte Debatte die Gesellschaft vor dem Wahljahr 2017 weiter spalten und die rechtspopulistischen Strömungen in der Politik verstärken könnte?

Ja, diese Entwicklung hat schon begonnen. Die Empörung in den sogenannten sozialen Netzwerken ist ein Ergebnis dieser rechten Hetze. Es ist auch die AfD, die die Verschwörungen in die Welt setzt, dass die Flüchtlinge per se krimineller seien als Deutsche. Das dies nicht stimmt, hat ja der Bund deutscher Kriminalbeamter schon mehrfach belegt. Und trotzdem werden diese Gerüchte auch von Teilen unserer politischen Mitte missbraucht, um zu argumentieren, dass die Flüchtlingspolitik geändert werden muss.

Leidet die Glaubwürdigkeit der Medien, wenn sie bei Gewaltverbrechen gegen Frauen in Deutschland mit Flüchtlingen als Tatverdächtigen nicht die Herkunft der möglichen Täter klar benennen?

Es ist eine Grenzfrage. Man muss die Nationalität nicht nennen, wenn sie keinen Nachrichtenwert hat. Das wäre mir persönlich lieber, um zu verhindern, dass solche Berichte instrumentalisiert werden, um Stimmung gegen Migranten zu erzeugen. Allerdings gibt es gerade eine gesellschaftliche Debatte über Täter und Opfer, und das müssen die Medien auch berücksichtigen, wenn sie über die Herkunft der Verdächtigen schreiben. Sie sollten dann aber auch versuchen, die Berichterstattung nicht zu emotionalisieren, sondern sachlich zu bleiben und differenzierte Positionen zu schildern. Denn wir brauchen unbedingt eine konstruktive Debatte.

Religionspädagogin

Lamya Kaddor nennt sich selbst eine „deutsche Verfassungspatriotin mit syrischen Wurzeln“. Die muslimische Publizistin setzt sich seit Jahren aktiv gegen Rassismus und Fremdenhass ein.

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