Gesellschaftliche Haltung in Zeiten des rechten Terrors - und im tödlichen Schatten von Halle

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Ein Mann hatte in Halle versucht hat, ein Massaker in einer Synagoge anzurichten und dabei zwei Menschen hingerichtet.
Ein Mann hatte in Halle versucht hat, ein Massaker in einer Synagoge anzurichten und dabei zwei Menschen hingerichtet. (Foto: Gregor Bauernfeind / dpa)
Redakteur Politik

Niemand hatte gehofft, dass das Thema so brennend aktuell wird. Knapp 24 Stunden sind vergangen, seit ein Mann in Halle versucht hat, ein Massaker in einer Synagoge anzurichten und dabei zwei Menschen hingerichtet hat.

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Und jetzt sitzen fünf Menschen auf dem Podium beim Bodensee Business Forum in Friedrichshafen, um über Haltung zu sprechen.

laudia Roth beim Bodensee Business Forum (BBF) in Friedrichshafen.
Claudia Roth beim Bodensee Business Forum (BBF) in Friedrichshafen. (Foto: Felix Kaestle / SZ)

Claudia Roth sitzt da, Urgestein der Grünen, Vizepräsidentin des Bundestags. "Politik, Unternehmen und Gesellschaft zeigen Haltung" lautet der Titel der Diskussion - mitgemeint ist: für die freiheitliche Demokratie und gegen ihre Feinde.

Eine Projektionsfläche des Hasses

Roth ist es damit ernst, seit Jahren. Für Menschenrechte, gegen Rassismus: Roth spricht ihre Meinung seit Jahren laut aus. Für Rechtsextreme ist sie eine Projektionsfläche des Hasses.

Moderator Uli Reitz fragt Roth erst, was sie zur türkischen Invasion im kurdischen Norden Syriens sagt. Und Roth spricht Klartext. "Nichts anderes als ein völkerrechtswidriger Krieg" sei das, die Reaktion der Nato darauf "windelweich", die Kurden fühlten sich "völlig verraten". 

Wenig später geht es um Halle, um diesen Terrorakt, angetrieben von Judenhass und rassistischem Wahn, der wie ein pechschwarzer Schatten über dem herbstsonnendurchfluteten Saal liegt.

Da wird, links neben Claudia Roth auf dem Podium, Michael Brand laut. Brand ist Menschenrechtsbeauftragter der Unionsfraktion im Bundestag. Er war eng befreundet mit dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, den ein Rechtsextremer im Juni ermordet hat.

Brand hatte Lübcke im Frühsommer im Parlament mit diesen Worten geehrt: "Wir werden nicht nachgeben, und wir werden gewinnen. Das verspreche ich Dir, lieber Walter."

Jeder muss sich in diesen Zeiten gerademachen

In Friedrichshafen lobt Brand, dass manche Unternehmen für die offene Gesellschaft Farbe bekennten. Aber es sei auch wichtig, "dass jeder klare Kante gegen Dinge bezieht".

Brand klärt sofort, wen er damit meint. Er sagt, ohne das "jahrelange, systematische Aufheizen und Hetzen gegen unsere offene Gesellschaft und gegen den Rechtsstaat von Höcke und Co." wären weder der Mord an Lübcke noch das Attentat von Halle möglich gewesen.

Brand spricht diese Sätze über den rechtsnationalen Thüringer Politiker und seine Partei mit dem ganzen Körper aus, beugt sich nach vorne, schlägt mit der rechten Hand senkrechte Schneisen durch die Luft. 

Wir haben ein Problem und wir haben einen Brandbeschleuniger. Und der sitzt im Bundestag und in Landtagen.

Claudia Roth

Als es um die AfD geht und um ihre Mitverantwortung für rechtsextremen Terror, wird auch Claudia Roth deutlich. "Wir haben ein Problem und wir haben einen Brandbeschleuniger", ruft sie, "und der sitzt im Bundestag und in Landtagen". 

Neben Roth und Brand auf dem Podium sitzen Daniel Hetzer, Film- und Fernsehproduzent und Patrick Kammerer, Kommunikationschef von Coca-Cola Deutschland.

Hetzer hat jahrelang in den USA gearbeitet und gelebt - er erzählt davon, wie er das gesellschaftliche Klima dort und in Deutschland wahrnimmt.

"Der Schnitt durch die Gesellschaft ist krass", sagt er über die USA in Zeiten des Präsidenten Donald Trump - und über das soziale Klima in beiden Ländern: "Ich habe das Gefühl, das ist alles so wund und alle sind so überreizt."

Kammerer hatte es in der Vorweihnachtszeit 2018 zu einer gewissen Berühmtheit geschafft. Damals hatte er ein von Aktivisten verfremdetes Coca-Cola-Plakat, das sich gegen die AfD aussprach, auf Twitter mit den Worten kommentiert: "Nicht jedes Fake muss falsch sein".

In der Diskussion in Friedrichshafen erzählt er, warum gerade Coca-Cola ein großes Interesse habe an einer offenen, inklusiven Gesellschaft.

Jeder, der diese Haltung bezieht, der weiß ja, dass er ins Fadenkreuz kommt.

Patrick Kammerer, Kommunikationschef von Coca-Cola Deutschland

Die süßen Brausen seiner Marke müssten "etwas sein, das für alle gleichermaßen gilt", unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Religion, sexueller Orientierung.  Ja, sagt Kammerer, für Unternehmen sei es ein "ganz schmaler Grat" sich politisch zu positionieren.

Er erzählt von Kommentatoren, die ihm auf Twitter mit Kastration gedroht hätten. Aber auch von den knapp 9500 Likes für seinen Plakat-Tweet. Und davon, dass kein einziger der tausenden Coca-Cola-Kunden in Deutschland danach die Zusammenarbeit aufgekündigt habe. 

Welche Folgen es hat, Stellung zu beziehen, das wissen die Politiker Roth und Brand.

Brand sagt: "Jeder, der diese Haltung bezieht, der weiß ja, dass er ins Fadenkreuz kommt." Für seinen Freund Lübcke ist das tödliche Realität geworden.

Roth liest eine Nachricht vor, die ein Mensch ihr zugeschickt hat. Eine widerwärtige Mordfantasie, eingeleitet von den Wörtern "Stinkfotze Claudia Fatima Kot".

Ganz am Ende der Diskussion stellt Brand - mit Blick auf die Hassverbreiter - eine Frage in Richtung Medien, über die noch zu streiten sein wird: "Geben wir den Bekloppten nicht viel zu viel Aufmerksamkeit?"

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