„Fridays for Future“: Die neue Umweltbewegung gibt den Erwachsenen die Schuld

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Schüler bei einer „Fridays for Future“-Demo für mehr Klimaschutz am 1. März in Stuttgart.
Schüler bei einer „Fridays for Future“-Demo für mehr Klimaschutz am 1. März in Stuttgart. (Foto: dpa)
Igor Steinle

Seit drei Monaten bestreiken Schüler freitags den Unterricht, von Berlin bis Biberach, von Sydney bis Ravensburg. Unter dem Motto „Fridays for future“ fordern sie deutlich strengeren Klimaschutz. Diese Woche planen sie sogar eine globale Megademo: In mehr als 1200 Städten verteilt auf 92 Länder sind Kundgebungen geplant. Mit 180 finden dabei die meisten in Deutschland statt. Entsteht hier eine neue Umweltbewegung?

Fragt man bei den Demonstranten nach, besteht daran kein Zweifel. „Ich erlebe meine Generation als extrem politisch“, sagt Luisa Neubauer. Die 22-Jährige ist eine der Hauptinitiatorinnen der Klimastreiks in Deutschland und wird auch gerne mal die deutsche Greta Thunberg genannt. Die Schwedin, 16 Jahre alt, war die erste, die vergangenen Sommer vor dem Stockholmer Parlament anfing, gegen die Klimapolitik ihrer Regierung zu protestieren. Begünstigt vom Dürresommer breitete sich die Bewegung weltweit aus.

Parallelen zu 1970ern und 1980ern

Frank Uekötter, Umwelthistoriker im britischen Birmingham, sagt: „Es gibt ein Rumoren in der Gesellschaft, da fühlt man sich ein bisschen an die späten 1970er-, frühen 80er-Jahre erinnert.“ Damals prägten Zehntausende, die gegen Atomkraft und Waldsterben auf die Straße zogen, das Bild Deutschlands als Ökovorreiter. Heute schaffen es Bilder von der Räumung des Hambacher Forsts in die „New York Times“. Uekötter glaubt: Wenn man in einem Jahrzehnt zurückblickt, wird man vielleicht erkennen, dass hier gerade etwas begonnen hat.

Einer, den das Engagement der „Generation Z“ nicht überrascht, ist Klaus Hurrelmann. Zu ihr zählen die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Hurrelmann ist Jugendforscher an der Berliner Hertie School of Governance und Mitautor der Shell-Studien, die regelmäßig die Befindlichkeiten junger Menschen untersuchen. „Wir konnten das vorhersehen“, sagt er der „Schwäbischen Zeitung“. Die heutige Jugend ist laut Studien so politisch wie zuletzt vor der Wiedervereinigung. Ihr politisches Interesse sank zwar zwischen 1991 und 2002 von 57 Prozent auf 34 Prozent. 2015 jedoch stieg es wieder auf einen Wert von 46 Prozent an. Hurrelmann: „Wir erwarten, dass der Wert weiter ansteigen wird.“

Seine Erklärung dafür ist, plump formuliert: Die Heranwachsenden haben heute keine anderen Sorgen mehr. So war die sogenannte „Generation Y“ – die Alterskohorte, die den Demonstranten vorausgeht – während ihrer Jugend eingeschüchtert von hohen Arbeitslosenzahlen und einer schlechten Wirtschaftslage. „Junge Menschen sind wie Seismographen. Wenn sie das Gefühl haben, sie können nicht ins Berufsleben eintreten, bleibt wenig Kraft für politisches Engagement“, sagt Hurrelmann. Angesichts des demografischen Wandels und Fachkräftemangels sei sich die jetzige Generation bewusst, dass sie sich keine Sorgen machen müsse. „Das macht sie frei.“

Am Konsumverhalten lässt sich die Politisierung nicht erkennen. Die Unternehmensberatung OC&C hat jüngst 1024 Angehörige der Generation Z befragt, ob sie beim Einkaufen auf unnötige Verpackungen oder Recyclingfähigkeit achten. Das Ergebnis: In allen Punkten sind die Werte bei den Vorgängergenerationen höher. Auch Neubauer wurde dafür angefeindet, dass auf ihrem Instagram-Profil Bilder CO2-lastiger Fernreisen zu sehen sind. Das Mitglied der Grünen wehrt sich dagegen, Umweltschutz ins Private abzuschieben und fordert stattdessen Gesetze, die umweltschonendes Verhalten fördern.

Harmonisch mit den Eltern

Schuld am Konsumverhalten ihrer Generation seien die, die die Welt so gemacht haben, wie sie heute ist: die Erwachsenen. „Das ist die kulturelle Prägung, die uns in die Wiege gelegt wurde“, sagt Neubauer.

Tatsächlich ist dieser Vorwurf zentral für die Bewegung. „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, skandieren die Schüler auf den Demonstrationen. Schwelt hier ein Generationenkonflikt? Neubauer sieht es so, Hurrelmann ebenfalls. Der Wissenschaftler ist gleichzeitig verwundert: „Das ist deswegen so bemerkenswert, weil die Beziehung zu den Eltern bei dieser Generation sonst harmonisch ist.“ Dass das kein Widerspruch sein muss, könnte sich kommenden Freitag zeigen. Viele Eltern wollen unter dem Motto „Parents for future“ auch an den Demonstrationen teilnehmen.

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