Frankreich trotz Attraktivität Weltmeister im Pessimismus

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Pro-Europäer: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (Mitte).
Pro-Europäer: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (Mitte). (Foto: Imago)

Es ist 65 Zentimeter lang, knusprig, und wird in fast sechs Milliarden Exemplaren pro Jahr gebacken. Das Baguette fehlt in keinem Klischee über Frankreich. Zusammen mit Käse und Wein gehört es zum „savoir vivre“ links des Rheins. „Wir sind Franzosen durch das Brot. Das charakterisiert uns“, sagt der Soziologe Abdu Gnaba.

Auf ihre Besonderheiten sind die Franzosen stolz. Das gilt nicht nur für das Essen, sondern auch für die Mode, die Denkmäler, die Landschaften. Knapp 89 Millionen Touristen besuchten im vergangenen Jahr das Land zwischen Eiffelturm und Côte d’Azur. Die Attraktivität ihrer Heimat bedeutet allerdings nicht, dass „les français“ ein zufriedenes Volk wären. Im Gegenteil. Sechs von zehn sagen von sich selbst, sie nörgelten gerne – über den Verkehr, die Regierung, das Wetter. Frankreich ist Weltmeister in Sachen Pessimismus.

Die Wahl eines jungen, dynamischen Präsidenten hat an der düsteren Weltsicht seiner Landsleute wenig geändert. Nur jeder vierte Franzose bezeichnete sich ein Jahr nach der Wahl von Emmanuel Macron als Optimist. Wohl auch, weil sich die Erfolge der Reformpolitik des 40-Jährigen noch nicht einstellen. Der frühere Wirtschaftsminister will nicht nur Frankreich, sondern auch Europa umkrempeln. In seiner Rede an der Sorbonne im vergangenen Jahr zündete er ein Ideenfeuerwerk, das von einer europäischen Interventionstruppe bis zu einer Asylbehörde reichte. Der Schwung verpuffte allerdings in den langen Monaten der Regierungsbildung in Deutschland. Nach acht Monaten Wartezeit setzte Angela Merkel den Visionen des Präsidenten ihre Konzepte entgegen, die deutlich nüchterner ausfallen. Im Kompromiss muss das deutsch-französische Paar nun die Zukunft Europas entwerfen. „Ich werde Europa nicht jenen lassen, die Hass, Spaltung und Rückzug ins Nationale propagieren“, kündigte Macron im April vor dem Europaparlament an. Eine Kampfansage an die Populisten von rechts und links. Der sozialliberale Staatschef kennt die Gefahr,, stand er doch im vergangenen Jahr in der Stichwahl mit der Wortführerin der EU-Gegner, Marine Le Pen. Die Franzosen stimmten damals klar für den Pro-Europäer. Le Pen änderte nach ihrer Niederlage ihre EU-feindliche Rhetorik: Von einem EU-Austritt Frankreichs, dem Brexit, und einem Ende des Euro ist nun nicht mehr die Rede.

Neue Situation für die Atommacht

Für die Franzosen kommt der Rückzug aus der Gemeinschaftswährung ohnehin nicht infrage: 68 Prozent sind laut einer Umfrage vom März dagegen. Die europäische Begeisterung, die Macrons Wahl 2017 entfachte, ist allerdings wieder abgekühlt. Waren vor einem Jahr noch 58 Prozent der Meinung, dass die EU eine gute Sache sei, sind es nun nur noch 53 Prozent. Seinen Tiefpunkt hatte das Verhältnis der Franzosen zur EU 2005 erreicht, als sich 55 Prozent gegen die neue Verfassung aussprachen. Das Votum legte den Zwiespalt zwischen den Franzosen und der EU offen. Einerseits gehört das Land zu den Gründerstaaten und war maßgeblich an historischen Initiativen wie dem Maastrichter Vertrag beteiligt. Andererseits dominieren laut einer Studie des britischen Chatham House Gefühle wie Wut und Pessimismus, wenn es um Brüssel geht.

Eine neue Situation ergibt sich für Frankreich mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU. Als einzige Atommacht Europas und einziger Vertreter mit einem ständigen Sitz im Sicherheitsrat kann das Land zum neuen Anführer unter den dann 27 Mitgliedsstaaten werden. Wohlwollend lasen viele Franzosen deshalb 2017 den Titel des US-Magazins „Time“: „Macron, der neue Anführer Europas“. Die Schlagzeile war allerdings mit einem Sternchen versehen: „Wenn er es schafft, Frankreich zu führen.“ Bei einem Volk von Nörglern keine leichte Aufgabe.

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