„Fixierung der Kirche auf Sünde überwinden“

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„Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner.
„Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner. (Foto: pm)
Schwäbische Zeitung

Die katholische Laienorganisation „Wir sind Kirche“ erwartet von der Synode einen grundlegend neue Umgang mit Eheleuten und Priestern in Krisen. Im Gespräch mit Ludger Möllers sagte Bundessprecher, Christian Weisner, dass auch die Einstellung zu Homosexualität überdacht werden müsse.

Herr Weisner, was erwarten Sie von der Synode zu den Themen Ehe und Familie, die am Sonntag beginnt?

Die Synode, die ja die „Berufung und Mission der Familie“ zum Inhalt hat, sollte vor allem Wege suchen, wie die Hoffnungsbotschaft Jesu die Menschen erreichen kann, statt über die Sexualmoral zu streiten. Wir erreichen nichts, wenn die Kirche mit unmenschlichen Regeln die Menschen abschreckt. Reforminitiativen aus aller Welt haben an die Synodenväter appelliert, den pastoralen Blick auf die Menschen zurückzugewinnen.

Wo fordern Sie konkret neue Antworten?

Unsere Kirche braucht eine Theologie des Scheiterns oder besser gesagt, des Neuanfangs. Das gilt für Ehepartner nach einer schweren Krise ebenso wie für Priester, die den Zölibat nicht einhalten können. Die Fixierung der kirchlichen Lehre auf die Sünde muss überwunden werden. Gerade nach der jahrzehntelangen Vertuschung sexueller Gewalt durch Kirchenmänner sollten die Synodenväter sehr vorsichtig sein mit ihren Vorgaben für das Leben anderer Menschen.

Aber die Kirche hält am Zölibat ebenso fest wie an der Unauflöslichkeit der Ehe!

Der Zölibat wurde nicht von Jesus eingesetzt. Und es ist theologisch auch zu simpel zu behaupten, dass Jesus die Unauflöslichkeit der Ehe gefordert hat. Tatsache ist, dass sich in unserer Kirche das Eheverständnis über die Jahrhunderte geändert hat.

Nun ist nicht zu erwarten, dass die Synodenväter die Unauflöslichkeit der Ehe infrage stellen werden oder Homosexualität begrüßen werden.

Vermutlich nicht. Aber die Kirche darf Paaren, in welcher Lebenssituation auch immer sie sich befinden, den Segen Gottes nicht verweigern. Auch die Entwicklungen in den Zivilgesellschaften sind „Zeichen der Zeit“, die nicht einfach nur zu verurteilen sind. In Ehen oder Lebenspartnerschaften geht es um die gegenseitige Verantwortung der Partner. Wichtig ist gerade auch ein neuer Umgang mit homosexuellen Menschen. Es reicht nicht aus, ihnen taktvoll zu begegnen, wie es der Katechismus lehrt.

Was wünschen Sie sich konkret?

Die Kirche sollte gegen die Kriminalisierung der Homosexualität vorgehen. In 80 Ländern der Welt werden Homosexuelle verfolgt und bestraft, in einigen Ländern droht ihnen sogar die Todesstrafe.

Bei der ersten Synode hat sich gezeigt, dass die Bischöfe sehr unterschiedliche Positionen vertreten. Wird es denn ab Sonntag Einigkeit geben?

Nein, aber ich hoffe wie Franziskus auf die „Symphonie der Differenzen“. Die Synodenväter sollten in der Synodenaula erstmal selber eine Familie bilden: Mit Mut zu unterschiedlichen Positionen sollten sie zeigen, dass sie streiten können, ohne sich zu zerstreiten.

Zurück zu den Fragen, die jetzt diskutiert werden. Wird in der Kirche nicht ein altes und überkommenes Familienbild gepflegt? Wie sehen Sie Familie heute?

Familie ist dort, wo Menschen verschiedener Generationen verantwortlich zusammenleben, und das können zum Beispiel auch Patchworkfamilien sein. Es ist ein großes Verdienst der Familiensynode und vor allem des Papstes, dass die Kirche das Familienleben mit all seinen Konflikten und Herausforderungen auch angesichts der globalen Wirtschaft in den Blick genommen hat

Wo muss die Synode ansetzen?

Nehmen Sie Migranten-Familien, die in Asien leben, deren Väter oder Mütter beispielsweise in Dubai ihr Geld verdienen müssen. Kirche muss sich für bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen einsetzen, damit Familien gemeinsam ihren Glauben leben können.

Das Zweite Vatikanische Konzil wurde vor 50 Jahren beendet. Seither breitet sich wegen des Stillstands Frust aus. Auch bei Ihnen?

Ja und nein. An der Kirchenbasis hat sich seit dem Konzil trotz vieler Rückschläge aus Rom viel bewegt. Die Saat des Konzils ist aufgegangen. Mit Papst Franziskus haben wir die Hoffnung, dass sie auch Früchte trägt.

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