FDP-Politiker: „Olaf Scholz weiß genau, was er tut“

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The treasurer of Germany's free democratic party (FDP) Harald Christ walks past climate activists as arrives for exploratory talks with leading members of the Social democratic SPD party and the Greens, on October 7, 2021 in Berlin. (Photo by Odd ANDERSEN / AFP) (Foto: Odd Andersen)
Foto: AFP und Guido Bohsemund Igor Steinle

Harald Christ (Foto: AFP) war jahrzehntelang Sozialdemokrat, bevor der Unternehmer sich von der Partei abwand und 2019 der FDP beitrat, wo er prompt Schatzmeister wurde. Im Interview bleibt das Mitglied des Sondierungsteams zwar schweigsam wie eine Mauer, was die aktuellen Ampel-Gespräche angeht. Er warnt allerdings: SPD, Grüne und Liberale dürften nicht zu kurzfristig denken. Sonst drohe das Projekt zu scheitern, bevor es richtig losgeht.

Herr Christ, verstehen Sie sich als Übersetzer zwischen SPD und FDP?

Ich beanspruche keinerlei besondere Rolle bei den aktuellen Gesprächen. Allerdings war ich schon immer wirtschaftsnah und deswegen, seit ich mit 16 Jahren politisch aktiv wurde, so etwas wie ein Übersetzer zwischen Wirtschaft und Sozialem. Frei nach Abraham Lincoln: Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt.

Welche Herausforderungen stehen vor der nächsten Regierung?

Wir müssen eine sozialökologisch-ökonomische Transformation bewältigen, die alle Teile der Gesellschaft betrifft, vom Verbraucher bis zum Unternehmer. Dafür müssen wir gute Antworten finden, mit denen alle mitgenommen werden. Wir stehen in Konkurrenz zu Regionen in der Welt, die wirtschaftlich sehr dynamisch sind. Zudem sehen wir, dass die USA sich immer weniger für Europa interessieren und sich mehr der Pazifikregion zuwenden. Wir müssen deswegen die EU stärken, die ebenfalls vor enormen Herausforderungen im Inneren steht. Die Problemlage ist so komplex wie noch zu keiner Phase meines Lebens.

Die Parteien haben allerdings verschiedene Lösungen für die Probleme im Angebot. Die SPD-Fraktion ist nach der Wahl zudem noch linker geworden. Glauben Sie, SPD-Spitzenkandidat Olaf Scholz kann sie im Zaum halten?

Wie ich Olaf Scholz kenne, weiß er genau, was er tut. Sollte es zu einer Ampelkoalition kommen, traue ich ihm zu, dass die Zusammenarbeit sehr gut funktionieren kann. Ich würde auch die Zusammensetzung der Fraktion nicht überbewerten. Natürlich sitzen da jetzt mehr Jusos drin und ich habe manche Wahlkampfäußerung auch wahrgenommen. Aber vor der Wahl ist vor der Wahl und nach der Wahl ist nach der Wahl. Ich bin mir bei allen beteiligten Partnern sicher, auch in den Fraktionen, dass sie verantwortungsvolle Politik für unser Land machen wollen. Man kann der SPD und den Grünen nicht nachsagen, dass diese Parteien in den vergangenen Jahrzehnten bei wichtigen staatspolitischen Entscheidungen nicht verantwortungsvoll gehandelt hätten.

Kann eine Ampel-Koalition länger als eine Legislaturperiode von vier Jahre funktionieren?

Wir müssen jetzt erstmal abwarten, was überhaupt passiert. Die Sondierungen, zu denen ich nichts sagen kann und will, haben erst begonnen. Eins ist aber klar: Wenn man es schafft, eine belastbare Regierung aufzubauen, dann nicht, weil man nur kurzfristig regieren will. Das muss längerfristig angelegt sein. Alles andere wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ich hätte mir gewünscht, dass wir eine Regierung mit der CDU bilden können, weil wir mit ihr mehr Gemeinsamkeiten haben. Aber Wahlgewinner sind nun mal die drei Parteien, die jetzt am Tisch sitzen.

Können Sie sich denn vorstellen, doch noch mit der CDU zu sondieren?

Dafür müsste klar sein, wer die CDU dann ist. Sie ist gerade in einem Prozess der Selbstfindung, bei dem man nicht weiß, wie lange er dauert. Ich wünsche mir, dass die Union sich möglichst schnell sortiert, weil das Land starke Parteien braucht, die immer in der Lage sein müssen, miteinander Koalitionen zu bilden, wenn es inhaltlich passt. Als Bundesschatzmeister der FDP habe ich das größte Interesse daran, dass wir eine starke Rolle in der nächsten Regierung übernehmen und konsequent unseren Anspruch als liberale Kraft der Mitte ausbauen.

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