Faktencheck: WHO hat sich verplappert - Corona weniger gefährlich als behauptet?

Lesedauer: 6 Min
Faktencheck
Chef vom Dienst Digital / stellv. Leiter Digitalredaktion

Fake News schüren Ängste, verunsichern und heizen mitunter Emotionen gezielt an. Schwäbische.de stellt regelmäßig Falschnachrichten richtig und erklärt die Hintergründe.

BEHAUPTUNG:

Behauptet wird, die Weltgesundheitsorganisation WHO habe sich und ihre Fehleinschätzung über das Coronavirus selbst verraten. Als angeblicher Beleg wird der Video-Mitschnitt einer Sondersitzung der WHO vom 5. Oktober 2020 angeführt.

Darin habe sich Nothilfedirektor Michael Ryan quasi verplappert, indem er die Möglichkeit nennt, dass sich 10 Prozent der Weltbevölkerung mit Sars-Cov-2 infiziert haben könnten.

Diese Schätzung werde zwar von der WHO als bedenklich und dramatisch "verkauft", sei in Wahrheit aber positiv. Schließlich lebten gegenwärtig 7,8 Milliarden Menschen auf der Erde. Eine Infektionsrate von 10 Prozent ergäbe 780 Millionen Infizierte. Gemessen daran sei die weltweite Todeszahl von 1,08 Millionen ziemlich gering, geringer gar als die Infection Fatality Rate (IFR), auch Infizierten-Verstorbenen-Anteil, der Grippe.

BEWERTUNG:

Richtig ist, dass am 5. Oktober eine Sondersitzung der WHO stattgefunden hat. Richtig ist zudem, dass sich dabei Nothilfedirektor Michael Ryan äußerst besorgt über die WHO-Schätzung gezeigt hatte, dass  sich rund 10 Prozent der Weltbevölkerung infiziert haben könnten.

Richtig ist nach allgemein gültigem Forschungsstand sowie weltweiten Erfahrungen mit Covid-19 aber auch, dass Ryans Sorgen begründet sind.

FAKTEN:

Das Grippevirus und Sars-Cov-2 lassen sich nicht ohne Weiteres vergleichen. Aus diesen Gründen ist die Aussage, die WHO habe sich selbst verraten und Corona sei weit weniger gefährlich als die Grippe, falsch:

  • Die aktuellen Corona-Todeszahlen resultieren aus bestätigten Fällen, in denen Menschen mit Covid-19 verstorben sind, belegt durch ein positives Testergebnis. Hier liegt die sogenannte Case Fatality Rate (CFR) zugrunde. Es wird von einer weit höheren Dunkelziffer ausgegangen.
  • Bei der Umlegung der weltweiten Corona-Toten auf die Gesamt-Weltbevölkerung, wie es WHO-Kritiker anhand des Videos tun, ensteht eine statistische Unschärfe. Denn hier werden Case Fatality Rate (CFR) und Infection Fatality Rate (IFR) gedanklich miteinander vermischt. Letztere bezieht die bekannten Infektionen auf die Todeszahlen, doch wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind, lässt sich aufgrund Melde-Dunkelziffer und asymptomatischem Verlauf nicht feststellen.
  • Im Gegensatz zu den Corona-Toten basieren die Zahlen der Grippe-Toten nicht auf Tests, sondern auf Schätzungen auf Grundlage der sogenannten Exzess-Mortalität (Übersterblichkeit). Bei diesen Schätzungen wird versucht, auch eine Dunkelziffer zu berücksichtigen. 

FAZIT:

Seit Beginn der Corona-Pandemie gibt es den Vergleich zwischen Sars-Cov-2 und dem H1N1-Influenzavirus sowie den Versuch einer Relativierung der Gefahr durch Corona. Unabhängig von den oben erwähnten Datengrundlagen, müssen für die Verdeutlichung der Gefahr durch eine Erkrankung an Covid-19 zusätzliche Faktoren berücksichtigt werden:

  • Es gibt noch keinen Impfstoff, das Coronavirus trifft weltweit auf ein unvorbereitetes menschliches Immunsystem. Für Grippeviren haben viele Menschen dagegen bereits eine Grundimmunität.
  • Bei Corona ist die Gefahr größer, dass auch Infizierte ohne Symptome das Virus unwissentlich weiterreichen. Vor allem junge, weniger gefährdete Menschen an ältere Menschen sowie Personen mit Vorerkrankungen, die zur Risikogruppe zählen. Sie bestmöglichst zu schützen, setzt gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein voraus.
  • Der Krankheitsverlauf kann bei Covid-19 schwerer sein, weshalb eine Überlastung des Gesundheitssystems vermieden werden sollte, was in Deutschland bislang recht gut gelingt. Die dramatische Lage in New York vor wenigen Monaten zeigte, was passiert, wen das Gesundheitssystem unter der Zahl der Erkrankten kollabiert.

Mehr Inhalte zum Dossier

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen