Experten wollen Hausärzte stärken

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Der erste Weg des Patienten führt zu oft zum Facharzt, kritisieren Experten. Ihr Vorschlag: Gebühren sollten die Menschen dazu b
Der erste Weg des Patienten führt zu oft zum Facharzt, kritisieren Experten. Ihr Vorschlag: Gebühren sollten die Menschen dazu bringen, lieber zum Hausarzt zu gehen. (Foto: dpa)
Tobias Schmidt

Landarztmangel, überlastete Rettungsstellen, lange Wartezeiten für psychisch Kranke: Das sind nur einige der Großbaustellen im deutschen Gesundheitssystem. Der demografische Wandel und die Landflucht verschärfen die Probleme, warnt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitsweisen (SVR) in seinem am Montag vorgestellten Gutachten. Trotz vielfältiger Reformgesetze gebe es noch eine erhebliche „Über-, Unter- und Fehlversorgung“ der Patienten, so das ernüchternde Fazit des SVR-Vorsitzenden Ferdinand Gerlach. Eine Übersicht über die größten Probleme – und Lösungsvorschläge der Experten:

Der generelle Befund: Zwischen Kliniken und Praxen verlaufe eine „unsichtbare, aber sehr folgenreiche Mauer“, beklagen die Sachverständigen. Um die Steuerung zu verbessern, schlägt der Sachverständigenrat eine Stärkung der Rolle der Hausärzte und neue zentrale Stellen vor.

Ärztemangel auf dem Land, Überangebot in den Städten: Das Problem der ausreichenden Versorgung in strukturschwachen Regionen wächst. Wenn absehbar ist, dass Ärzte aufhören, solle die Nachbesetzung dort künftig schon fünf Jahre im Voraus vorgenommen werden, so eine Forderung. Darüber hinaus soll ein „finanziell spürbarer Landarztzuschlag“ von bis zu 50 Prozent auf Grundleistungen die Mediziner wieder aufs Land locken. Die Kostenexplosion bei der Übernahme von Praxen in Ballungsgebieten will der SVR durch eine Befristung der Zulassung von Ärzten auf 30 Jahre stoppen.

Haus- statt Facharzt, ambulant statt stationär: Zu viele Patienten wenden sich laut des Befundes direkt an Fachärzte. Um dem einen Riegel vorzuschieben, werden vergünstigte Wahltarife der Krankenkasse für Hausarztmodelle angeregt. Patienten, die ohne Überweisung direkt zum Facharzt gehen, sollen dafür künftig nach Vorbild der wieder abgeschafften Praxisgebühr eine „Kontaktgebühr“ zahlen, deren Höhe die Politik festlegen müsse. Psychiater, Frauen- und Augenärzte sollen ausgenommen werden. Zudem moniert das Gutachten, dass es in Krankenhäusern zu viele Betten gebe. Wo immer dies möglich sei, solle ambulant statt stationär behandelt werden, so die Forderung. Weiterer Vorschlag: Vor für die Kliniken besonders lukrativen Eingriffen – etwa Operationen an der Wirbelsäule – soll das Einholen einer zweiten Arztmeinung zur Pflicht werden. Insgesamt wäre es besser, die Planung orientiere sich stärker an den vorgesehenen Leistungen der Krankenhäuser anstelle der Bettenzahl. Die Experten sehen auch den Bund in der Pflicht, das Angebot zu verbessern und in Richtung Zentralisierung und Spezialisierung zu steuern.

Notfallversorgung: Rettungsstellen sind immer häufiger überfüllt, die Wartezeiten lang und Ärzte und Pfleger überlastet. Das liegt laut dem Gutachten vor allem daran, dass Patienten „mit vergleichsweise harmlosen Beschwerden“ die Notaufnahmen blockierten. Das Geschäft der Rettungswagentransporte sei zu lukrativ, moniert der Bericht weiter. Der Vorschlag: Über eine bundesweit gleiche Nummer sollen rund um die Uhr „Integrierte Leitstellen“ erreichbar sein, die den Patienten sagen, was die passende Versorgung wäre: Vom Notarzt mit Martinshorn bis zum Besuch des Bereitschaftsarztes. Für Patienten, die noch mobil sind, sollen Sofort-Termine in Praxen oder Notfallzentren vermittelt werden. In letzteren würde getrennt zwischen Patienten, die in die Rettungsstelle gehören oder von einem niedergelassenen Arzt ausreichend versorgt werden könnten.

Psychische Erkrankungen: Die Zahl der von psychischen Leiden Betroffenen werde künftig deutlich steigen, prognostiziert der Sachverständigenrat. Schon heute gibt es lange Wartezeiten beim Psychiater oder Psychotherapeuten. Das führe dazu, dass viele Patienten stationär behandelt würden, obwohl eine ambulante Versorgung ausreiche. Hier rät das Gremium, die ambulanten und teilstationären Angebote in den Kliniken deutlich auszuweiten. Zur Vermittlung freier Therapieplätze fordern die Experten Terminservicestellen und Onlineplattformen.

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