Ex-Drogerie-König droht lange Haft

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Katja Korf

Es gibt Sätze, die kehren wie ein Bumerang zu ihrem Urheber zurück. Meike Schlecker sagte einen solchen Satz im Jahr 2012 auf einer Pressekonferenz zur Pleite der größten Drogeriemark-Kette Europas: „Es ist nichts mehr da.“ Im Privatvermögen des Unternehmensgründers Anton Schlecker, so die Botschaft, sei kaum noch etwas zu holen, womit das Unternehmen zu retten wäre.

Schon während der vergangenen vier Jahre waren an dieser Darstellung Zweifel laut geworden. Seit einigen Tagen steht fest: Auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart glaubt nicht daran. Sie wirft dem Ehinger Ex-Drogerie-König, seiner Frau Christa, ihren Kindern Meike und Lars vor, Vermögenswerte beiseitegeschafft zu haben. Damit drohen Anton Schlecker bis zu zehn Jahre Haft.

Gericht muss entscheiden

„Es geht um Beträge in zweistelliger Millionenhöhe“, sagte Jan Holzner, Sprecher der Staatsanwaltschaft, am Donnerstag. Zuvor hatten Medien berichtet, es stehe eine Summe von 20 Millionen Euro im Raum. Nun muss das Stuttgarter Landgericht entscheiden, ob es ein Verfahren eröffnet. Ob das in diesem Jahr geschieht, ist noch offen. Bei umfangreichen Prozessen wie dem nun zu erwartenden und der hohen Auslastung der Strafkammern sind solche langen Fristen nicht ungewöhnlich.

Angeklagt sind auch zwei Wirtschaftsprüfer der Gesellschaft „Ernst & Young“. Sie sollen erkannt haben, dass Anton Schlecker 2009 und 2010 falsche Zahlen veröffentlichte, um die Lage seiner Firma zu verschleiern. Dennoch attestierten sie Schlecker nach Erkenntnissen der Ermittler, die Zahlen hätten den gesetzlichen Vorgaben entsprochen. Ein Sprecher des Stuttgarter Unternehmens sagte der „Schwäbischen Zeitung“: „Im Hinblick auf das laufende Verfahren geben wir keine Erklärung zur Sache ab.“

Der Neu-Ulmer Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hatte die Manöver der Familie bereits früh durchschaut. 10,1 Millionen Euro hatte er 2013 in einem Vergleich mit den Schleckers erstritten, diese zahlten das Geld aus der Privatschatulle in die Firmenkasse zurück. „Die Staatsanwaltschaft tut jetzt strafrechtlich dasselbe, was Herr Geiwitz schon zivilrechtlich durchgesetzt hat“, sagt dessen Sprecher Patrick Hacker. Geiwitz hatte 2013 überprüft, ob Schlecker sein Vermögen unzulässig an Kinder oder Enkel verschenkt hatte. Dies ist besonders dann kritisch, wenn es in einen Zeitraum von vier Jahren vor der Insolvenz fällt.

Das Insolvenzverfahren gegen Schlecker ist nach Auskunft des Geiwitz-Sprechers so gut wie abgeschlossen. „Der letzte große Brocken war der Verkauf der Konzernzentrale in Ehingen im vergangenen Sommer.“ Da Anton Schlecker sein Geschäft als eingetragener Kaufmann führte, haftet er mit seinem Privatvermögen für die Verluste der Firma. Damit können Gläubiger noch mehrere Jahre Ansprüche geltend machen, sollte Schlecker wieder Einkünfte haben oder noch Vermögen auftauchen. Darauf werde Geiwitz weiter ein Auge haben, sagte sein Sprecher.

Bislang sind die meisten Gläubiger leer ausgegangen. Eine Milliarde Euro offener Verbindlichkeiten hatte Schlecker, als er mit seinen 9000 Filialen pleiteging. 25 000 Menschen verloren ihre Jobs, 23 500 meldeten sich daraufhin arbeitslos. Bis April 2013 fanden nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit rund 48 Prozent von ihnen eine neue Stelle. Danach zählte die Behörde nicht mehr mit.

Damit hat auch sie Ansprüche gegen Schlecker, die Vorrang vor denen anderer Gläubiger haben: Weil die Mitarbeiter erst nach der Insolvenzanmeldung gekündigt haben, müssen die Kosten für das von der Agentur gezahlte Übergangsgeld zunächst aus dem übrig gebliebenen Schlecker-Geld gezahlt werden. Experten rechnen damit, dass schon diese Ansprüche kaum aus der Insolvenzmasse getilgt werden können. Damit blieben Lieferanten und andere auf offenen Rechnungen sitzen.

Weitere Bilder und Berichte zum Fall Schlecker finden Sie unter

schwaebische.de/schlecker

Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Anklage gegen die Familie Schlecker erhoben.
Eine Ex-Schlecker-Mitarbeiterin sagt, was sie zur Anklage denkt.
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