Evangelische Kirche will sexuellen Missbrauch aufarbeiten

Lesedauer: 5 Min
Ein Kreuz auf einem Kirchendach im Gegenlicht
Sexueller Missbrauch kommt auch in der evangelischen Kirche vor und soll nun aufgearbeitet werden. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Michael Evers

Kurz vor dem Start des Evangelischen Kirchentages in Dortmund mit dem Motto „Was für ein Vertrauen“ nimmt eine Gruppe leitender Geistlicher ein Thema in den Blick, das auf dem Treffen von mehr als 100 000 Gläubigen kaum eine Rolle spielen wird.

Im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover ging es am Dienstag um sexuellen Missbrauch – eine Problematik, die in der öffentlichen Wahrnehmung bisher eher den Katholiken zugeordnet wurde. Nach dem Bekanntwerden von inzwischen 600Fällen auch in evangelischen Einrichtungen entschieden die Protestanten im November, bei der Aufarbeitung endlich Dampf zu machen.

Die Dimension:

Eine Untersuchung in zehn der 20evangelischen Landeskirchen ergab 479 meist strafrechtlich verjährte Missbrauchsfälle. Inzwischen geht man von 600 Betroffenen aus, die wohl nur eine Teilmenge der tatsächlichen Opfer sind. Die meisten Missbrauchsfälle ereigneten sich in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren sowohl in Kirchengemeinden als auch in diakonischen Einrichtungen. Bei zwei Dritteln der Betroffenen handelt es sich nach Mitteilung der EKD um ehemalige Heimkinder.

Grundsätzlich sind Missbrauchsfälle auch in evangelischen Heimen seit Jahren bekannt, schon 2011 baten EKD und Diakonie die Betroffenen um Verzeihung und sprachen von einem „Versagen der evangelischen Heimerziehung in den Nachkriegsjahren“. Erst seit dem vergangenen Herbst aber hat die EKD eine zentrale Aufarbeitung in Angriff genommen.

Wie die evangelische Kirche mit dem Thema umgehen will:

Auf der Jahrestagung des Kirchenparlaments im November in Würzburg legte die EKD einen Elf-Punkte-Handlungsplan vor. Dazu gehören die Einrichtung einer zentralen, von der Kirche unabhängigen Ansprechstelle, die am 1. Juli ihre Arbeit aufnimmt. Geplant ist auch eine bundesweite Untersuchung von Missbrauch in der evangelischen Kirche und Diakonie, erste Ergebnisse sollen 2021 vorliegen. Ziel der Untersuchung ist es auch, spezifische evangelische Risiken zu ermitteln. Auch ist eine Dunkelfeldstudie geplant. 1,3 Millionen Euro hat die EKD im Haushalt dieses Jahres für die Aufarbeitung von Missbrauch vorgesehen.

Der Unterschied zur katholischen Kirche:

Zum einen die Dimension. Eine 2018 vorgelegte bundesweite Studie im Auftrag der katholischen Kirche ergab gestützt auf Kirchenakten, dass zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Kleriker 3677 Minderjährige missbraucht haben sollen. Über das Dunkelfeld kann nur spekuliert werden. Zum anderen sind bei der evangelischen Kirche Gemeindeseelsorger – anders als bei den Katholiken – nur in geringem Umfang in Missbrauchsfälle verwickelt. Die katholische Kirche geht die Problematik allerdings seit 2010 zentral an, die EKD hat nun erst begonnen und räumt Verzögerungen ein.

Konsequenzen:

Der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche löste 2010 ein Erdbeben aus. 2010 trat außerdem die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen zurück, nachdem sie im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen gegen einen Pastor unter Druck war. Ähnlich wie bei der katholischen Kirche sprachen Betroffene von Wegschauen und Vertuschen.

Präventionskonzept:

Vereinzelt, aber immer wieder, gibt es auch in evangelischen Einrichtungen neue Missbrauchsfälle. Die EKD will nun die ohnehin in den Landeskirchen bestehenden Präventionsangebote weiter verbessern. Die externe Untersuchung soll aber auch systemisch bedingte Risikofaktoren in der evangelischen Kirche identifizieren. Eine unabhängige Kommission hatte nämlich bereits festgestellt, dass Missbrauchsfälle in evangelischen Einrichtungen „strukturelle Ursachen in der Kirche“ gehabt hätten.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen