Europa gibt Zypern ein Gefühl der Geborgenheit

Lesedauer: 5 Min
 Blick von Famagusta aus hinter die – nicht sehr massive Grenze – vom griechischen Südteil der Insel Zypern ins türkische Nordzy
Blick von Famagusta aus hinter die – nicht sehr massive Grenze – vom griechischen Südteil der Insel Zypern ins türkische Nordzypern. (Foto: AFP)
Michael Wrase
Redakteur

Nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus sicherheitspolitischen Gründen wurde Zypern Mitglied der Europäischen Union. Die Spaltung der Mittelmeerinsel konnte dieser Schritt bisher aber nicht überwinden.

Den 7. April des Jahres 2004 wird Sophokles Nicolaou niemals vergessen. „Wir hatten damals für ein griechisches Ja bei der Abstimmung über den Kofi-Annan-Plan geworben“, erzählt der 68 Jahre alte Tischler. Die Hoffnung sei groß gewesen, dass der Plan des UN-Generalsekretärs zur Wiedervereinigung der seit 1974 geteilten Insel von beiden Bevölkerungsgruppen tatsächlich angenommen würde. „Doch dann kam Tassos Papadopoulos und machte alles kaputt“, empört sich der Handwerker und schlägt mit der Faust auf den Küchentisch.

Der Präsident der Republik Zypern hatte in Gesprächen mit Kofi Annan den Lösungsplan mit ausgearbeitet und per Handschlag abgesegnet. Doch anstatt für eine Annahme zu werben, forderte Papadopoulos zwei Tage vor dem orthodoxen Osterfest seine Landsleute in einer melodramatischen Rede dazu auf, mit einem „Ochi“ (Nein) gegen das Vertragswerk zu votieren.

17 Tage später lehnten 75,8 Prozent der griechischen Zyprer den Plan ab. Im türkischen Landesteil stimmten dagegen 64,9 Prozent für die Wiedervereinigung. Trotzdem wurde die (griechische) Republik Zypern für ihr „Nein“ belohnt: Sie trat am 1. Mai 2004 der Europäischen Union bei. „Die türkischen Ja-Sager wurden dagegen bestraft“, schimpft der türkisch-zyprische Journalist Coskun Tözen, der die Mitgliedschaft des südlichen Landesteils in der EU als „völlig absurd“ empfindet.

Der türkische Norden der Mittelmeerinsel fühlt sich von den Griechen hintergangen. Dabei haben auch türkische Zyprer, sofern sie auf Zypern geboren sind, den begehrten EU-Pass erhalten. Im griechischen Süden hat man sich längst mit der Teilung abgefunden.

Im Gegensatz zu den meisten anderen neuen Mitgliedsstaaten der EU sei Zypern nicht aus wirtschaftlichen, sondern ausschließlich aus sicherheitspolitischen Gründen der Union beigetreten, sagt der in Nikosia lebende Analyst Michael Theodoulou.. „Europa gibt uns ein Gefühl der Geborgenheit, was angesichts der militärischen Übermacht der Türken auch notwendig ist.“

„Ohne die Union an unserer Seite wäre die ganze Insel jetzt türkisch“, glaubt auch Costas Roussos, ein IT-Experte in Paphos, der eine Lösung des Zypern-Problems für illusorisch hält. „Dafür fehlt Brüssel die politische Stärke und wahrscheinlich auch der Wille“, analysiert der Endvierziger bei einem zyprischen Kaffee. „Bestellen Sie hier niemals einen türkischen Kaffee“, warnt der Familienvater und lacht schallend. Roussos kennt, wie die meisten seiner Landsleute, das Leid und den Horror der türkischen Invasion vom Juli 1974, die 180 000 griechische Zyprer zu Flüchtlingen machte, nur aus Erzählungen.

„Wir Griechen haben immer nach Westen geschaut und begegnen, wenn wir ehrlich sind, unseren muslimischen Nachbarn, seien es Türken oder Araber, mit einer gewissen Geringschätzung“, sagt Michalis Economou. Der Gymnasiallehrer fühlt sich „wohl in Europa“ und will, „dass das für immer so bleibt“. Ein derart klares Bekenntnis hört man selten.

Gerade einmal fünf Jahre sind seit der Verabschiedung des europäischen Rettungspakets über zehn Milliarden Euro für den damals fast bankrotten Inselstaat vergangen. Die EU, empört sich Panikos Psylogenis, habe damals in Zypern „ein Exempel statuiert“ und Vermögen über 100 000 Euro mit einem „Abschlag“ von rund 50 Prozent belastet. „Brüssel hat mir fast 600 000 Euro gestohlen“, schimpft der Besitzer eines Supermarktes. In keinem anderen EU-Mitgliedsstaat hätte es Brüssel gewagt, die Geldanleger zur Kasse zu bitten, um die Großbanken zu retten. „Doch mit dem kleinen Zypern konnten sie es ja machen“, beendet Panikos seine Schimpftirade über die „Halsabschneider in Brüssel“.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen