Empörte Syrer

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Empörte Syrer
(Foto: privat)
Christoph Plate

Seit den Ereignissen aus der Silvesternacht in Köln kippt die Stimmung gegenüber Flüchtlingen aus Syrien. Noch vor wenigen Monaten galten die vielen Menschen, die sich aus Rakka, aus Idlib oder Aleppo auf den Weg über die Ägäis und den Balkan nach Europa, speziell nach Deutschland, aufmachten, vielen Flüchtlingshelfern pauschal als Menschen, die aus großer Bedrohung hierher geflohen sind, als Flüchtlinge erster Klasse.

Viele Syrer in Deutschland sahen das von Anfang an sehr anders, differenzierter. Der in München lebende Archäologe Azad Hamoto aus Aleppo hat bereits im September vor den Folgen gewarnt, die es haben kann, wenn junge Männer aus ländlichen syrischen Gebieten, die keine Berührung hatten mit westlichen Lebensformen, auf engem Raum und ohne ausreichende Beschäftigung in einem Land leben, dessen Sprache und Kultur sie nicht verstehen. Viele der jungen Männer hätten ein negatives Bild von europäischen Frauen, das denen moralische Freizügigkeit attestierte. Sie gälten den Männern als Freiwild. „Ich war wütend auf das positive Bild vom Syrer, das hier gezeichnet wurde, die Syrer müssen sich erst einmal beweisen, bevor sie eine solche zuvorkommende Behandlung erfahren“, erklärt der 61-jährige Hamoto in München.

Und aus Damaskus schreibt ein syrischer Arzt in einer E-Mail an die „Schwäbische Zeitung“, er habe gelacht, als er gehört habe, dass sich viele deutsche Politiker so positiv über die Syrer äußerten. „Die Syrer mit Diplomen und mit Geld gehen lieber in die USA, nach Australien und Südamerika. Die Jungen ohne Ausbildung und mit krimineller Vergangenheit wollen nach Europa.“

Auch wenn diese grobe Pauschalisierung jenen Syrern unrecht tut, die aus akuter Not geflohen sind, il-lustriert sie doch das Problem, dass deutsche Stellen zu wenig wissen über die starke Zersplitterung der syrischen Gesellschaft.

Wer als Handwerker oder Universitätsdozent aus Aleppo flieht, hat ein überzeugenderes Motiv zur Flucht als die jungen Syrer vom Land, denen Azad Hamoto heute in München begegnet und die geflohen seien, weil ihnen daheim im Dorf die Decke auf den Kopf gefallen ist und sie gehört haben, dass in Deutschland ein besseres Leben möglich sei.

Hamoto sieht keine Chance, dass eine allgemein anerkannte Führungsfigur die jungen Männer zur Vernunft rufen könnte. Die einzige Möglichkeit bestehe in dem Versuch, die vielen jungen Männer zu beschäftigen, mit Arbeit, mit Sport, um Ereignisse wie die von Köln zu verhindern.

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