Eine Kirche für Istanbul

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 Der aramäische Metropolit Yusuf Cetin (links) und Präsident Recep Tayyip Erdogan legten den Grundstein für den ersten Kirchenne
Der aramäische Metropolit Yusuf Cetin (links) und Präsident Recep Tayyip Erdogan legten den Grundstein für den ersten Kirchenneubau in der modernen Türkei. (Foto: AFP)
Susanne Güsten

In Istanbul entsteht der erste Neubau einer Kirche in der Geschichte der modernen Türkei – den Grundstein legte Präsident Recep Tayyip Erdogan am Samstag persönlich. Von Gleichberechtigung ist die christliche Gemeinschaft des Landes indes noch weit entfernt.

„Soll ich ein Gebet sprechen?“ fragte Recep Tayyip Erdogan. Zusammen mit den höchsten Würdenträgern der christlichen Gemeinden seines Landes stand der türkische Präsident vor einer Reihe von roten Knöpfen an einer Baugrube. Auf ein Gebet verzichtete Erdogan schließlich, doch er erbat Gottes Segen für das Projekt. Als er mit den Patriarchen auf die Knöpfe drückte, floss Beton in die Grube.

Marienkirche soll das neue Gotteshaus heißen. Es wird für die Gemeinde der Aramäer im Istanbuler Vorort Yesilköy gebaut. Von einem „historischen Tag“ sprach Mor Philoxenus Yusuf Cetin, der aramäische Metropolit von Istanbul und Ankara.

Das war nicht übertrieben. Ausgerechnet Erdogan, der Chef der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, geht als Mitbegründer der ersten Kirche in der Türkei seit 1923 in die Geschichte ein. Was auf den ersten Blick überraschend erscheint, passt durchaus zur Politik der AKP. Die Partei, deren Mitglieder wegen ihrer religiösen Überzeugungen einst selbst benachteiligt wurden, verfolgt gegenüber den christlichen und jüdischen Minderheiten eine weniger repressive Politik als ihre säkularistischen Vorgänger, die religiös geprägte Identitäten in jeder Form ablehnten.

Die Aramäer sind eines der ältesten christlichen Völker und sprechen bis heute die Sprache von Jesus Christus. Im vergangenen Jahrhundert wurden sie aus ihren angestammten Siedlungsgebieten in Tur Abdin, Mardin und Diyarbakir im Südosten der Türkei vertrieben. Etwa 300 000 aramäische Christen leben heute in Europa und Amerika, wo sich viele auch als assyrische Christen bezeichnen; die größte Gruppe mit rund 100 000 in Deutschland.

In Istanbul sind es immerhin 17 000 Seelen, und die brauchen dringend eine neue Kirche. Die bisherigen Notlösung – aramäische Gottesdienste in Kirchen anderer christlicher Gemeinden – funktioniere nicht mehr, sagte der Gemeindeälteste Sait Susin der „Schwäbischen Zeitung“: „Die Kirchen platzen aus allen Nähten, wenn wir kommen, denn wir Aramäer sind zahlreicher als die anderen Gemeinden – und wir gehen sonntags alle in die Kirche.“

Katholiken erhoben Einspruch

Zehn Jahre lang bemühten sich die Aramäer um eine Baugenehmigung. Dass es so lange dauerte, lag weniger an der Regierung als an Einsprüchen der katholischen Kirche gegen die Bebauung des Grundstückes, das den Aramäern von der Verwaltung zugeteilt wurde: ein ehemaliger katholischer Friedhof, der seit rund hundert Jahren nicht mehr benutzt wird. Innerhalb von zwei Jahren soll nun ein Gotteshaus für 650 Gläubige entstehen. Die Baukosten von etwa 3,5 Millionen Euro sollen komplett mit Spenden aus der Gemeinde zusammenkommen.

Erdogan setzte sich von Anfang an für das Projekt ein, sagte Susin: „Im Ausland weiß man das ja nicht so, aber wir Christen und Juden in der Türkei erleben in den letzten 15 Jahren eine Zeit der Ruhe und Sicherheit, wie wir sie in der Geschichte der Türkischen Republik noch nie gekannt hatten.“

So bekamen die nicht-muslimischen Minderheiten unter der AKP zumindest einen Teil des Besitzes zurück, der ihnen zuvor von säkularistischen Regierungen entzogen worden war. Bedeutende Kirchen und Synagogen des Landes wurden unter der AKP restauriert. Die griechisch-orthodoxe Gemeinde durfte erstmals eine Schule außerhalb von Istanbul eröffnen, die Aramäer bekamen ihre erste Schule in der Geschichte der Republik.

Diese Verbesserungen sind freilich relativ – von Gleichbehandlung sind Christen und Juden in der Türkei weit entfernt. Die AKP hat wegen ihres eigenen religiösen Hintergrundes jedoch mehr Verständnis für diese Minderheiten als Säkularisten und Nationalisten, die sie oft als verkappte Staatsfeinde betrachten.

Die Grundsteinlegung in Yesilköy gab Erdogan deshalb die Gelegenheit, sich als Reformer zu präsentieren – eine Rolle, die seine Landsleute nicht mehr häufig zu sehen bekommen. „Dieses Land gehört uns allen, dieser Staat gehört uns allen“, sagte Erdogan in seiner Rede. Jeder Türke sei „Bürger erster Klasse“. Die Christenvertreter applaudierten. Zumindest in diesem Moment konnten sie das Gefühl haben, tatsächlich dazuzugehören.

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