Ein neues Flüchtlingsdrama erschüttert Syrien

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Kinder in einem Flüchtlingslager im Norden Syriens.
Kinder in einem Flüchtlingslager im Norden Syriens. (Foto: dpa)
Susanne Güsten

An der Grenze der syrischen Provinz Idlib zur Türkei zeichnet sich ein neues Flüchtlingsdrama ab. Schätzungsweise mehrere Zehntausend Menschen sind auf der Flucht aus südlichen Teilen Idlibs zur türkischen Grenze, wie der syrische Aktivist Asaad Hanna am Freitag der „Schwäbischen Zeitung“ sagte. Die Zahl der Flüchtlinge könnte bald weiter steigen, denn die syrische Armee setzt ihren Vormarsch in Idlib weiter fort.

80 000 Vertriebene seit Montag

Mit gezielten Angriffen auf Wohngebiete und öffentliche Einrichtungen wie Moscheen im Nordwesten Syriens vertrieben syrische Regierungstruppen mit russischer Unterstützung seit Wochenbeginn nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mehr als 80 000 Menschen. Bei der Offensive auf Syriens letzte große Rebellenhochburg sind auch mehrere von Deutschland geförderte Kliniken und Rettungshelfer Ziel von Angriffen geworden. Insgesamt seien seit April sechs Gesundheitseinrichtungen getroffen worden, in die deutsche Gelder geflossen seien, erklärten das Auswärtige Amt und das Entwicklungsministerium (BMZ). Sie wurden beschädigt oder zerstört.

Insgesamt leben rund drei Millionen Zivilisten in Idlib, der letzten Rebellen-Hochburg in Syrien nach mehr als acht Jahren Krieg. Der syrische Machthaber Baschar al-Assad hat angekündigt, jeden Zentimeter des syrischen Staatsgebietes wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Damit könnte Idlib zur Falle für viele Zivilisten werden, die aus Angst vor Assad aus anderen Landesteilen Syriens in die Provinz geflohen waren.

Die Türkei, die bereits 3,6 Millionen Syrer aufgenommen hat, will keine weiteren Flüchtlinge ins Land lassen – auch weil der Unmut der Türken über die Anwesenheit der Syrer wächst. Innenminister Süleyman Soylu kündigte deshalb im Fernsehsender Habertürk den Bau von Unterkünften in Syrien selbst an. Ankara rechne mit 300 000 bis einer Million Fluchtwilligen aus Idlib, sagte er.

Wo die Lager entstehen sollen, sagte Soylu nicht. Nördlich von Idlib kontrolliert die türkische Armee seit Anfang des vergangenen Jahres das Gebiet um die syrische Stadt Afrin. Weiter östlich sind die Gegenden um die Städte Al-Bab und Dscharablus von der türkischen Armee besetzt. Zudem will die Türkei östlich des Euphrat einmarschieren und eine militärisch kontrollierte „Sicherheitszone“ einrichten, um das dortige Autonomiegebiet der syrischen Kurden zu zerschlagen. Auch dort könnten geflohene Syrer angesiedelt werden, argumentiert Ankara.

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