Ein Abschied als Protest gegen Trump

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WASHINGTON, DC - SEPTEMBER 01: The casket is led out following the funeral service for U.S. Sen. John McCain at the National Cat
WASHINGTON, DC - SEPTEMBER 01: The casket is led out following the funeral service for U.S. Sen. John McCain at the National Cathedral on September 1, 2018 in Washington, DC. The late senator died August 25 at the age of 81 after a long battle with brain cancer. McCain will be buried at his final resting place at the U.S. Naval Academy. Mark Wilson/Getty Images/AFP == FOR NEWSPAPERS, INTERNET, TELCOS & TELEVISION USE ONLY == (Foto: AFP)
Frank Herrmann
Frank Herrmann

Ein grasbewachsener Hügel, von dessen Kuppe der Blick auf eine malerische Küstenlandschaft geht. Unten fließt der College Creek auf den majestätisch breiten Severn River zu. In der Ferne Segelschiffe und pfeilschlanke Kirchturmspitzen. Es ist ein idyllisches Fleckchen Erde, das sich John McCain für sein Grab ausgesucht hat. Am Sonntag wurde er dort beigesetzt. McCain ist vor einer Woche im Alter von 81 Jahren gestorben.

Die Zeremonie im kleinen Kreis ist ein Kontrast zu den öffentlichen und sehr politischen Feiern in Washington. Sie machten den Abschied von dem streitlustigen Senator zu einer Rebellion gegen den Nationalismus des US-Präsidenten Donald Trump. McCain wollte es so. Die Trauertage in der Hauptstadt sollten Protest sein gegen das „America first“ Trumps.

Aus diesem Grund hat Anne Flores am Freitag stundenlang vor dem Kapitol in einer langen Warteschlange gestanden. Sie sei gekommen, um einen Großen zu ehren, sagt die 66-Jährige aus Arizona, dem Bundesstaat, den McCain im US-Senat vertrat. „Aber das ist es nicht allein. Ich wollte auch zu denen gehören, die schon durch ihre Anwesenheit zeigen, wie sehr sie das Verhalten unseres Präsidenten verachten“, sagt Flores.

Ein weiterer Besucher stellt ein selbstgemaltes Poster zur Schau: „POW McCain Hero – Trump Coward“. Der Kriegsgefangene McCain ein Held, Trump ein Feigling. Trump ließ sich eine Fußkrankheit attestieren, um sich während des Vietnamkriegs vor der Einberufung zu drücken. McCain verbrachte fünfeinhalb Jahre in einem Gefängnis in Hanoi, wurde gefoltert. Auffallend viele Vietnamveteranen, Militärmützen auf den Köpfen, harren stundenlang unter sengender Sonne aus, um im Kapitol für ein paar Sekunden an McCains Sarg zu stehen.

Trump ist nicht eingeladen

Donald Trump muss am Fernseher im Weißen Haus zuschauen, wie am Sonnabend viel Prominenz in der National Cathedral einen seiner schärfsten Kritiker würdigt. Er selber ist nicht eingeladen und lässt sich durch seine Tochter Ivanka und den Schwiegersohn Jared Kushner vertreten. Noch bevor seine beiden Vorgänger, Barack Obama und George W. Bush, von der Kathedralenkanzel reden, fährt er in einen seiner Golfclubs. Und ohne Trump auch nur ein einziges Mal beim Namen zu nennen, rechnet Obama mit Trump ab. „So vieles in unserer Politik, in unserem öffentlichen Leben, in unserem öffentlichen Diskurs kann gemein und kleinlich erscheinen, ins Bombastische und Beleidigende ausufernd, in vorgetäuschte Kontroversen und künstliche Empörung.“ So etwas spiele Tapferkeit vor, sei aber aus der Angst geboren – „John hat an uns appelliert, größer zu sein, besser zu sein.“

Gerade in der Außenpolitik habe er oft nicht mit ihm übereingestimmt, sagt der Ex-Präsident über den Republikaner, der Interventionen wie die im Irak befürwortete und die USA in der Pflicht sah, Freiheit notfalls mit Waffengewalt zu verbreiten.

Dennoch habe McCain verstanden, dass Amerikas Einfluss in der Welt nicht allein auf militärischer Macht beruhe, nicht allein auf Wohlstand, nicht allein auf der Fähigkeit, anderen seinen Willen aufzuzwingen. Sondern auf der Fähigkeit, andere zu inspirieren und selber an Werten festzuhalten, die für alle gelten sollten. Bush, der McCain im Jahr 2000 im innerparteilichen Duell um die Präsidentschaftskandidatur besiegte, spricht von der Würde, die jedem Menschenleben innewohne und die sein einstiger Kontrahent aus innerster Überzeugung respektiert habe. „Eine Würde, die nicht an Grenzen haltmacht und nicht von Diktatoren ausgelöscht werden kann.“

Doch es ist Meghan McCain, die 33 Jahre alte Tochter des Toten, die unter Tränen am eindringlichsten Klartext redet. „Wir sind zusammengekommen, um den Verlust amerikanischer Größe zu betrauern“, beginnt sie. „Das wahre Ding“, nicht die billige Rhetorik von Leuten, die nie auch nur in die Nähe der Opfer kamen, die ihr Vater so bereitwillig erbracht habe. Nicht die opportunistische Besitzergreifung durch jene, die ein Leben in Bequemlichkeit und Privilegien führten, während ihr Vater gelitten und gedient habe. Das Amerika John McCains sei großzügig, es habe offene Türen, es sei kühn, fügt sie später hinzu. Amerika prahle nicht, weil es Angeberei nicht nötig habe. Dann spielt sie auf das „Make America Great Again“ an, Trumps auf Millionen roter Baseballkappen verewigten Slogan. „Das Amerika John McCains muss nicht wieder groß gemacht werden, denn groß war es schon immer.“

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