Dutzende Angriffe auf Kliniken und Schulen im syrischen Idlib

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 Luftangriffe im Raum Idlib: In der Rebellenhochburg leben drei Millionen Zivilisten.
Luftangriffe im Raum Idlib: In der Rebellenhochburg leben drei Millionen Zivilisten. (Foto: AFP)
Thomas Seibert

UN-Informationen dienen syrischen und russischen Militärs als Grundlage für gezielte Angriffe auf Krankenhäuser – diesen Vorwurf erheben Hilfsorganisationen, die im Kriegsgebiet aktiv sind.

„Wenn man die Koordinaten weitergibt, dann werden genau diese Einrichtungen angegriffen“, sagte Mohannad Othman, Chef der Al-Sham-Stiftung, der „Schwäbischen Zeitung“ in Istanbul. Die syrische Armee und die russische Luftwaffe verstärken seit Wochen ihre Angriffe in Idlib, der letzten Rebellenhochburg in Syrien.

Die UN hatten im vergangenen Jahr die GPS-Koordinaten von insgesamt 235 Schulen, Kliniken und anderen zivilen Institutionen in Idlib an die syrische Regierung sowie Russland und die Türkei geschickt. Damit sollten diese Einrichtungen geschützt werden. Tatsächlich aber würden die GPS-Daten von Syrern und Russen für Angriffe genutzt, sagte Othman. Nun würden die Kliniken erst recht bombardiert. Das UN-Amt für die Koordinierung humanitärer Hilfsmaßnahmen (OCHA) in Genf ließ eine Bitte um Stellungnahme zu den Erkenntnissen der Hilfsorganisationen unbeantwortet.

Mohammed Zahed al-Masri von der syrischen Ärztevereinigung PAC sagte in Istanbul, auch die Kennzeichnung von Fahrzeugen oder Gebäuden mit dem Roten Kreuz sei mittlerweile zu gefährlich. „Wenn ein Fahrzeug dieses Zeichen hat, wird es angegriffen.“

Begründung: Terrorbekämpfung

Im September hatte die Türkei mit Russland eine Waffenruhe für Idlib ausgehandelt, die eine Massenflucht von mehreren Millionen Menschen in die benachbarte Türkei vermeiden soll. Mit der Begründung, gegen Terroristen vorgehen zu müssen, greifen Syrer und Russen in jüngster Zeit aber wieder verstärkt in Idlib an. Dabei werden zivile Einrichtungen beschossen und Kornfelder in Brand gesetzt, um Zivilisten zu vertreiben. Ein Zusammenschluss ziviler Hilfsorganisationen teilte mit, in den vergangenen Wochen seien mehr als 300000 Menschen in Idlib aus den Kampfgebieten geflohen.

Seit dem Beginn der aktuellen Offensive im April zählten die Hilfsorganisationen in Idlib 29 Angriffe auf Schulen, 24 auf Krankenhäuser und Krankenstationen und sechs auf Einrichtungen der Zivilverteidigung. Mehr als 250 Zivilisten seien ums Leben gekommen.

Die „Weißhelme“, eine Zivilschutzorganisation syrischer Freiwilliger, geben deshalb die GPS-Daten ihrer Einrichtungen nicht an die UN weiter. Sie verweisen darauf, dass bereits in der Schlacht um die nordsyrische Metropole Aleppo vor drei Jahren die Weitergabe von Lagedaten humanitärer Einrichtungen gezielte Luftangriffe zur Folge hatte.

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