Drohungen, Schläge, Mord: Welche Dimension Gewalt in der Partnerschaft hat – und was die Bundesregierung dagegen tun will

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Häusliche Gewalt geht „durch alle sozialen Schichten und ethnischen Gruppen“, sagt Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons „G
Häusliche Gewalt geht „durch alle sozialen Schichten und ethnischen Gruppen“, sagt Petra Söchting, Leiterin des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“. (Foto: Mikko Stig/dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Jörg Ratzsch

Manchmal hören die Beraterinnen der Hilfe-Hotline 08000 116 016 im Hintergrund den schreienden Ehemann. Es gebe solche Fälle, da rufen Frauen in akuten Notsituationen an, sagt Petra Söchting, die Leiterin des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“. Oft sind es aber auch Nachbarn oder Arbeitskollegen, die die Nummer wählen, weil irgendetwas bei der Familie nebenan nicht stimmt oder eine Arbeitskollegin, die sich gerade getrennt hat, nun von ihrem Ex gestalkt oder sogar bedroht wird.

80 speziell geschulte Beraterinnen arbeiten bei der bundesweiten Hotline. Sie hören zu, geben Tipps, an wen sich Betroffene wenden können – in 17 Sprachen, rund um die Uhr. Die Mitarbeiterinnen stellen auch Kontakt zu Frauenhäusern her oder schalten auf Wunsch die Polizei ein.

26 000 Männer wurden Opfer

Die Fallzahlen des Bundeskriminalamts zur sogenannten Partnerschaftsgewalt in Deutschland nennt Familienministerin Franziska Giffey (SPD) am Montag „schockierend“: Insgesamt 140 755 Menschen wurden 2018 von ihrem Partner oder Ex-Partner, genötigt, bedroht, geschlagen, vergewaltigt oder anders psychisch oder physisch angegriffen. Es gab mehr als 400 Fälle versuchten oder vollendeten Mordes und Totschlags. 122 Frauen wurden getötet oder starben an den Folgen von Körperverletzung.

Es trifft zwar fast immer Frauen, aber nicht nur: Auch gut 26 000 Männer wurden 2018 von ihren Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen angegriffen oder waren Psychoterror ausgesetzt. Dag Schölper, Geschäftsführer des Bundesforums Männer e.V., berichtet von Kontosperrungen, Beschimpfungen, Stalking bis hin zu „regelrechten Verunglimpfungskampagnen“ durch die Frauen im gemeinsamen Bekanntenkreis. Und auch Männer erleben schlimme körperliche Angriffe: „Ich erinnere mich an den Fall eines Kraftfahrers, der in die Notaufnahme musste. Seine Partnerin und sein schon fast erwachsener Sohn hatten ihn gemeinsam schwer körperlich verletzt.“ Das seien keine Einzelfälle. Schölper schätzt, dass es gerade bei Männern eine hohe Dunkelziffer gibt, wegen der Scham, solche Taten anzuzeigen.

Das ist auch das Problem der BKA-Auswertung: Sie zeigen nur das sogenannte Hellfeld, also die angezeigten Taten beziehungsweise die, bei denen es zu Ermittlungen kam. Experten sind sich einig, dass das Dunkelfeld weitaus größer ist. Giffey geht sogar davon aus, dass „jeder von uns Betroffene im Umfeld hat“. Im Schnitt werde pro Stunde mehr als eine Frau Opfer partnerschaftlicher Gewalt, rechnet sie vor. Und selten fange die Gewalt gleich am Anfang einer Beziehung an, berichtet Petra Söchting, die Leiterin des Hilfetelefons „Gewalt gegen Frauen“. Es entwickle sich stattdessen oft über die Jahre eine Gewaltspirale. Am meisten passiere dann in der „Rushhour des Lebens“ zwischen 30 und 40, sagt Giffey.

Und woher kommen Täter und Opfer? Bei der Pressekonferenz am Montag im Familienministerium wird auch gefragt, welche Rolle die Zuwanderung dabei spiele. Ja, es kämen auch Menschen mit Frauen- und Familienbildern und Rollenbildern nach Deutschland, die nichts mit einer gewaltfreien Beziehung zu tun hätten. Darüber könne sie aus ihrer Zeit als Bezirksbürgermeisterin von Berlin-Neukölln „blumenreich“ berichten, sagt Giffey. „Aber die Mehrheit der Täter hat die deutsche Staatsangehörigkeit. (…) Die Gewalt geht durch alle sozialen Schichten und alle ethnischen Gruppen.“ Weder Bildung noch Einkommen spielten eine Rolle, ergänzt Petra Söchting vom Hilfetelefon.

Anja Reinalter, Vorsitzende des Landesfrauenrats Baden-Württemberg, sieht immerhin eine positive Entwicklung. „Frauen sind heute mehr bereit darüber zu sprechen. Da gibt es einen Fortschritt“, sagte Reinalter der „Schwäbischen Zeitung“.

Der Bund will die Länder künftig mit 120 Millionen Euro unterstützen, damit mehr Frauenhäuser gebaut werden. Von diesen Zufluchtsorten gibt es rund 350 in Deutschland. Fast vier Millionen Euro jährlich fließen in den Südwesten, wie das Sozialministerium in Stuttgart am Montag bekannt gab. Im baden-württembergischen Haushalt sind zusätzlich 2020 vier Millionen Euro und 2021 acht Millionen Euro für Frauenhäuser eingestellt.

Die frauenpolitische Sprecherin der Grünen Ulle Schauws fordert deutlich mehr Geld. Seit Jahren seien Frauenhäuser unterfinanziert und müssten Frauen in Not abweisen. Die Grünen fordern einen Rechtsanspruch auf einen Platz für betroffene Frauen. Die Idee findet auch Giffey gut. Macht aber im Moment keine Hoffnung auf eine baldige Umsetzung, da es einfach noch nicht genügend Plätze in den Frauenhäusern gebe.

Gewalt gegen Frauen ist ein weltweites Problem. In vielen Städten – auch in Deutschland – wurden deshalb am Montagabend Gebäude orange angeleuchtet. Darunter war zum Beispiel die Münchner Arena. Die Vereinten Nationen hatten dazu aufgerufen, um auf das Thema hinzuweisen. Das Motto: „Orange the World“ („Färbt die Welt Orange“). Orange – so die Begründung – stehe für eine hellere Zukunft ohne Gewalt.

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