Die von der Politik Enttäuschten sammeln sich

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Sahra Wagenknecht und ihr Ehemann Oskar Lafontaine sind zwei der führenden Köpfe der Sammlungsbewegung „Aufstehen“.
Sahra Wagenknecht und ihr Ehemann Oskar Lafontaine sind zwei der führenden Köpfe der Sammlungsbewegung „Aufstehen“. (Foto: imago)

50 000 Unterstützer. Für eine linke Sammlungsbewegung, die noch gar nicht offiziell an den Start gegangen ist, sind das gute Zahlen. Seit fünf Tagen ist die Seite www.aufstehen.de im Netz. Die von Sahra Wagenknecht gegründete Bewegung ist laut ihrem Ehemann Oskar Lafontaine „sehr zufrieden. Wir haben mit einem solchen Zustrom nicht unbedingt gerechnet.“

Wagenknecht will mit ihrer linken Bewegung unzufriedene Anhänger von SPD und Grünen ansprechen. Aber auch Menschen, die AfD gewählt haben. Es gehe nicht um die Gründung einer neuen Partei, sondern um andere parlamentarische Mehrheiten, sagt sie. Allerdings lehnt die linke Fraktionschefin ein Rot-Rot-Grünes Bündnis ab, solange sich die SPD nicht von der Agenda 2010 distanziert.

Auf der Webseite wird noch kein Einblick in konkrete Ziele gewährt. „Den Bürgern muss zugehört werden“ und „Flaschen sammeln darf keine Lösung sein“ sind bisher die einzigen Aussagen auf der Seite, auf der sich ansonsten Bürger ihren Frust von der Seele reden – zwischen einer und sechs Minuten lang. In der Regel nölig-anklagend im Unterton.

Da ist Susi, die aus vielen Talk-Shows bekannte Gewerkschafterin, die auch schon mit Ex-SPD-Chef Martin Schulz diskutiert hat. Vor betongrauer Hochhauskulisse sagt sie, dass junge Leute doch schon gar nicht mehr wissen, „wat en richtiger Arbeitsvertrag ist“. Da beklagt die ehemalige Friseurin Margot mit ihrem Dackel Jack, „kleine Rente, Hände kaputt, Knochen im Eimer“ und jetzt noch Sorgen, dass sie aus der Wohnung raus muss. Journalistin Nada, die wegen ihrer syrischen Wurzeln Angst vor einem Rechtsruck in Deutschland hat.

Eine Ausnahmeerscheinung in der Sammlung ist Bürgermeister Norbert, der tatkräftig zu mehr Zivilcourage und einem Ruck durch die Gesellschaft aufruft. Norbert Claes ist SPD-Bürgermeister von Friesenhagen, einer Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Damit hat er eine Sonderstellung, weil aus der SPD nicht viel Unterstützung für die linke Sammlungsbewegung kommt.

Hausaufgaben machen

Baden-Württembergs SPD-Landeschefin Leni Breymaier findet es zwar prinzipiell richtig, an linken Positionen zu arbeiten, aber Sahra Wagenknecht an der Spitze, das ist ihr „ein bisschen wenig zum Sammeln“. Die SPD mache ihre Hausaufgaben, so Leni Breymaier im Sommerinterview des SWR. Und die Linke und „die Grünen, falls sie sich noch als links verstehen, müssten das auch machen“.

Das ist eine Spitze gegen die Grünen, die in Stuttgart zusammen mit der CDU regieren und sich auch in Berlin zunehmend im bürgerlichen Lager verorten. Tatsächlich ist auch bei den Grünen das Echo auf Wagenknecht sehr verhalten. Zwar hat sich die frühere grüne Bundestagspräsidentin Antje Vollmer hinter die Bewegung gestellt, weil man wachsenden Druck von Rechtsaußen einen Druck von links entgegensetzen müsse. „Es muss eine Balance of Power geben – in jeder Gesellschaft“, sagt die 75-Jährige.

Doch die grüne Parteichefin Annalena Baerbock teilte schriftlich mit, sie sei zwar für die Mitarbeit in progressiven Bündnissen bereit, habe aber noch nicht verstanden, was der Zweck dieser Sammlungsbewegung ist, „außer Sahra Wagenknecht in die Medien zu bringen“.

Tatsächlich ist Wagenknecht gerade unter Linken sehr umstritten, weil sie schon 2016 eine Diskussion über Gefahrenpotenziale von Flüchtlingen forderte. „Wer Merkel von Rechts kritisiert, kann nicht Vorsitzender einer Linksfraktion sein“, sagte damals der linke Abgeordnete Jan van Aken.

Schon vor einigen Wochen, als Wagenknecht über eine Sammlungsbewegung sprach, haben sich ihre Parteichefs Bernd Riexinger und Katja Kipping distanziert. Ob es Wagenknecht nun noch gelingt, bekannte Gesichter für ihre Kampagne zu finden, wird sich am 4. September zeigen. Immerhin hat Ehemann Oskar Lafontaine schon einmal angekündigt, dass dann weitere Prominente dabei seien.

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