Die „Rosinenbomber“ kehren zurück

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Deutsche Presse-Agentur
Gregor Bauernfeind und Gisela Gross

Die Berliner Luftbrücke war eine Hilfsaktion mit großer Symbolkraft. 70 Jahre danach sollen die alten „Rosinenbomber“ noch einmal ihre Routen fliegen – so wohl zum letzten Mal.

Im Sommer 1948 regnete es zum ersten Mal Süßigkeiten vom Himmel über Berlin. An notdürftig aus Taschentüchern gefertigten Fallschirmen segelten Schokolade und Kaugummis zu Boden, abgeworfen aus einem Flugzeug des US-amerikanischen Piloten Gail Halvorsen. Gerade für Kinder war Schokolade zu jener Zeit etwas ganz Besonderes: „Das war eine Kostbarkeit, die man bekommen hat“, erinnert sich Hans Günther Richardi, damals Schüler in der ausgehungerten Stadt, in einem Zeitzeugenportal. Der Pilot Halvorsen wurde bald „candy bomber“ genannt – in Deutschland „Rosinenbomber“ – und damit zum Namensgeber der Flugzeuge, die die Berliner Westsektoren während der sowjetischen Blockade von Juni 1948 bis Mai 1949 mit überlebenswichtiger Fracht wie Lebensmitteln und Kohlen versorgten.

Für viele Zeitzeugen ist die „Berliner Luftbrücke“ und das Geschenk Halvorsens an die Berliner Kinder ein Wendepunkt in der Beziehung zweier Nationen, deren Bürger keine vier Jahre vorher noch aufeinander geschossen hatten. „Das war die größte humanitäre Hilfsaktion, ein Zeichen von Völkerverständigung“, sagt Thomas Keller, der Vorsitzende des „Fördervereins Luftbrücke Berlin 70“. In dieser Woche, etwas mehr als 70 Jahre nach Ende der Blockade, wird der Verein mehr als 20 Douglas DC-3 „Rosinenbomber“ noch einmal die wichtigen Stationen der Luftbrücke abfliegen lassen. Geplant sind außerdem Besichtigungen der Flugzeuge auf verschiedenen Flugplätzen in Deutschland und große Feierlichkeiten mit Zehntausenden Besuchern in Wiesbaden und Faßberg in Niedersachsen.

Start in Wiesbaden

Auftakt ist am Montag, 10. Juni, auf dem Flugplatz Wiesbaden-Erbenheim. „Wiesbaden ist die Wiege der Luftbrücke“, sagte Keller. Dort befahl laut dem Wiesbadener Stadtlexikon der damalige amerikanische Militärgouverneur Lucius Clay den Beginn der Versorgung Berlins, von dem Flugplatz starteten am 26. Juni 1948 die ersten 32 Flüge in Richtung Berlin. Auf dem Flugplatz können die „Rosinenbomber“ besichtigt werden, es gibt ein Flugprogramm mit „Candy drop“ – also einen Süßigkeitenabwurf – und einen Gottesdienst für die während der Luftbrücke Gefallenen. Man rechne mit rund 40 000 Besuchern, sagte eine Sprecherin des Veranstalters, der U.S. Army Garrison Wiesbaden. Der Flugplatz ist wie in Zeiten der Luftbrücke in US-amerikanischer Hand, heute befindet sich dort das Hauptquartier der US Army Europe.

Am Mittwoch, 12. Juni, sollen die mehr als 20 „Rosinenbomber“ in fünf Gruppen von Wiesbaden abheben und über die historischen Luftbrücken-Flugkorridore nach Faßberg in Niedersachsen fliegen. Der dortige Flugplatz habe eine besondere Bedeutung, da von dort rund 70 Prozent der Kohletransporte nach Berlin abgeflogen seien, sagte Keller. Am Samstag, 15. Juni, gibt es dort gemeinsam mit dem „Tag der Bundeswehr“ eine weitere große Gedenkveranstaltung. Am Donnerstag, 13. Juni, fliegen die historischen Flugzeuge vorübergehend zu den Luftbrücken-Stationen in Jagel in Schleswig-Holstein und Nordholz in Niedersachsen und können dort besichtigt werden.

Überflüge statt Landung in Tempelhof

Höhepunkte der Gedenkwoche sollen die Flüge der „Rosinenbomber“ am Samstag und Sonntag, 15. und 16. Juni, nach Berlin werden. Landen werden sie dort, anders als von dem Förderverein ursprünglich geplant, jedoch nicht: Einer Veranstaltung auf dem früheren Flughafen Tempelhof steht ein Gesetz im Wege, demzufolge der innere Wiesenbereich mit der Start- und Landebahn auf dem seit Jahren als Park genutzten Ex-Flugfeld öffentlich zugänglich bleiben muss.

Stattdessen soll es nun Überflüge geben. Die genauen Routen sind aber noch unklar. Nach den Plänen des Fördervereins soll das Brandenburger Tor überflogen werden. „Diese Route wäre die Kirsche auf der Sahnetorte“, sagte der Vorsitzende Keller. Für einen Einflug in das Flugbeschränkungsgebiet steht aber eine Genehmigung des zuständigen Bundesaufsichtsamts für Flugsicherung noch aus. Bis Freitag mussten ergänzende Unterlagen zu dem Antrag eingereicht werden, sagte eine Sprecherin des Amts auf Anfrage. Auch wenn es für diese Route nicht mehr rechtzeitig eine Genehmigung geben sollte, werde es auf jeden Fall Flüge über Berlin geben, versprach Keller. Berlin feierte bereits vor wenigen Wochen – am 12. Mai, genau 70 Jahre nach dem Ende der Berlin-Blockade – offiziell ein „Fest der Luftbrücke“ auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof.

Die mehr als 20 „Rosinenbomber“ vom Typ DC-3 sind laut Keller schon auf dem Weg nach Deutschland. Die Maschinen seien in Privatbesitz oder gehörten historischen Vereinen. Sie kommen aus Finnland, Schweden, Norwegen, England, Frankreich, der Schweiz und Ungarn. Zwei russische Piloten, die sich angemeldet hatten, sagten ihr Kommen laut Keller wieder ab. Etwa zehn Flugzeuge kommen aus den USA. Die Piloten kämen ehrenamtlich und würden teilweise hohe Kosten auf sich nehmen, sagte Keller. Ein Flug aus den USA koste bis zu 180 000 Euro, da die Flugzeuge in Grönland und Island zwischenlanden mussten, für die Atlantiküberquerung Heizungen in die Flieger eingebaut wurden und die Piloten in Überlebensanzügen fliegen mussten. Die Piloten kämen selbst für die Kosten auf oder hätten sich Sponsoren gesucht.

Die Veranstaltungswoche sei wegen des hohen organisatorischen und finanziellen Aufwands wohl die letzte Gelegenheit, die „Rosinenbomber“ zusammen im Flug zu erleben. „In der Konstellation wird das wahrscheinlich nicht mehr möglich sein“, sagte Keller. An den DC-3 liege das aber nicht, die seien ausgesprochen zuverlässige Maschinen: „Das ist der VW der Lüfte, die fliegt immer und die kann fast überall landen.“

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