Die Krim, fünf Jahre nach der russischen Machtübernahme: Leben im Auge des Konflikts

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Deutsche Presse-Agentur
Ulf Mauder

Im Grunde dürfte es den Bau der Großen Freitagsmoschee mit den stolzen Minaretten auf der Krim so gar nicht geben. Eigentlich sollten die Sanktionen der Europäischen Union gegen die Krim nach der Annexion vor fünf Jahren durch Russland gerade solche Großprojekte erschweren. Doch am Rande von Simferopol, der Hauptstadt der Schwarzmeer-Halbinsel, wächst das riesige Gebetshaus. Es ist gedacht für die muslimische Volksgruppe der Krimtataren.

Baumaschinen brummen – auch von deutschen Konzernen. Naturstein aus Belgien verziert das islamische Gebetshaus. „Es gibt für alles Wege“, sagt der Polier auf der Baustelle und grinst breit, weil sie die Sanktionen umgehen. Seinen Namen und die von Lieferanten möchte er auf keinen Fall in den Medien sehen.

Unter dem Patronat von Kremlchef Wladimir Putin entsteht der Stolz der Krimtataren – jener Bevölkerungsgruppe, die historisch nicht gut zu sprechen war auf Russland. Die Krim, die nach dem Völkerrecht weiter zur Ukraine gehört, erhält ohnehin so viel Unterstützung aus Moskau wie kaum eine russische Region. Und besonders den kritischen Krimtataren will der Machtapparat Wünsche erfüllen, um das seit Jahrhunderten hier ansässige Volk friedlich zu stimmen.

Der Moscheebau soll nicht nur Symbol einer freundlichen Kremlpolitik sein. Er kann auch als russische Antwort auf Vorwürfe des Westens gelten, die 300 000 Krimtataren würden unterdrückt. Die Moschee soll zu den größten in Osteuropa gehören. „15 Jahre haben wir darauf gewartet. 2021 soll sie fertig sein“, sagt Ajdar Ismailow, der Stellvertreter des Muftis der Krim. Zu ukrainischen Zeiten sei nur geredet worden. Jetzt, unter russischer Führung, gebe es Taten. 3000 Gläubige aus allen Regionen der Halbinsel werden dort künftig Platz finden.

„Wir haben hier Frieden und Ruhe“, sagt der 42-jährige Ismailow. „In der Welt gibt es viel schlimmere Orte, Länder, in denen Bomben hochgehen.“ Ähnlich wie er äußern sich Bürger der russischstämmigen Mehrheit auf der Krim, wo insgesamt rund zwei Millionen Menschen leben. Viele sagen mit Blick auf den blutigen Konflikt in der Ostukraine, dass ihnen ein solcher Krieg erspart geblieben sei. Trotzdem haben Tausende Menschen aus Angst um ihre Zukunft nach der russischen Machtübernahme die Halbinsel verlassen.

Antirussischer Kampf im Exil

Während die geistige Führung der Muslime großteils ihren Frieden gemacht hat mit den Russen, hält eine andere Gruppe der Krimtataren im Exil weiter dagegen. Ihre Vertreter nutzen Internet und Satellitenfernsehen zur Stimmungsmache. Von der ukrainischen Hauptstadt Kiew aus kämpft der frühere Krimtataren-Führer Mustafa Dschemiljow gegen die Annexion. Der schmächtige 75-Jährige sitzt im ockerfarbenen Anzug am Schreibtisch. Er spielt mit einem Feuerzeug, während er redet. „Sie ist unsere Heimat“, sagt er über die Krim. Dschemiljow, Abgeordneter im ukrainischen Parlament, beklagt ein Klima der Angst auf der Halbinsel. Seine Frau und Anhänger leben noch auf der Krim. Es sei wie einst zu Sowjetzeiten, als sich in der kommunistischen Diktatur niemand traute, offen zu sagen, was ist. Ärger mit dem Geheimdienst wolle schließlich niemand. Dschemiljow weiß, wovon er spricht. Der Raucher mit den tiefen Falten im Gesicht hat selbst lange Zeit in Gefangenschaft verbracht.

Der Dissident, der zu Sowjetzeiten viele Jahre aus politischen Gründen im Arbeitslager saß, ist von Russland als Extremist zur Fahndung ausgeschrieben. 2014 erhielt der einflussreiche Krimtatare einen Anruf von Wladimir Putin.

Der Kremlchef wollte wissen, was es brauche, um die Tataren auf die Seite der Russen zu ziehen. Dschemiljow erzählt, dass er einen Pakt mit Moskau abgelehnt habe. Kurz danach kam es zur international nicht anerkannten Volksabstimmung – und die Krim trat Russland bei.

Heute wirft Dschemiljow dem Kremlchef auch mit Blick auf den aufgerüsteten Stützpunkt der Schwarzmeerflotte im Küstenort Sewastopol vor, die Krim zu einer Festung auszubauen – ohne Rücksicht auf die Menschen. Die strategisch günstige Lage der Region konnten die Russen zwar auch zu ukrainischen Zeiten militärisch nutzen. Nach dem Machtwechsel 2014 in Kiew aber drohte ein Verlust dieses Stützpunktes. Das wollte Russland nicht zulassen.

Dschemiljow pflegt aus einem exklusiven Büroturm die Kontakte zu offiziellen Stellen in der EU – und in der Türkei, wo die mit Abstand größte Diaspora der Krimtataren lebt. Er kämpft darum, dass für Russland die „Okkupation“ möglichst kostspielig werden soll.

Geschätzt 20 000 bis 25 000 haben die Krim wegen der Annexion verlassen, wie Dschemiljow sagt. Er rät dazu zu bleiben. Doch viele, die geblieben sind, halten Dschemiljow heute für einen Verräter, weil er die Sanktionen befürwortet. Er schade seinem Volk, heißt es.

Kiews „schwerster Fehler“

Moskau tut gleichwohl viel, um die Folgen der Annexion so gering wie möglich zu halten – und vor allem dafür, um nicht unheilvolle Erinnerungen hochkochen zu lassen. Die Vorbehalte unter den Krimtataren gegen Russen sind groß, besonders seit ihrer Deportation im Zweiten Weltkrieg. Damals schickte Sowjetdiktator Josef Stalin sie als Verräter in die Verbannung nach Zentralasien, weil sie angeblich mit den Nazis kollaboriert hatten.

Auch wegen dieser geschichtlichen Erfahrung boykottierten viele Krimtataren 2014 das Referendum über die Vereinigung.

Inzwischen aber habe sich die Mehrheit abgefunden damit, dass andere Gesetze gelten, meint der Vize-Mufti Ismailow in der alten Moschee. Es sei der „schwerste Fehler“ Kiews gewesen, die Rechte der Krimtataren nie voll hergestellt zu haben, sagt er. Gläubige stehen ehrfürchtig auf, wenn er vorbeiläuft. „Die russische Gesetzgebung hat uns mehr gegeben als die ukrainische.“ Präsident Putin habe vor fünf Jahren eine politische Rehabilitierung der lange als Verräter beschimpften Tataren verfügt.

Tataren bekämen nun anders als früher wieder Grundstücke. Als die Ukraine noch das Sagen hatte, kam es wiederholt zu Konflikten, weil Angehörige der Minderheit um Boden kämpften. Inzwischen stünden 370 Moscheen auf der Halbinsel. Und es würden immer mehr, freut er sich.

Nur zögerlich räumt Ismailow ein, dass es unter russischer Führung immer noch Probleme und offene Fragen gebe. Mehr krimtatarischen Unterricht in den Schulen wünscht sich die Volksgruppe zum Beispiel.

Offizielle Stellen der Europäischen Union beklagen dagegen eine Unterdrückung der Krimtataren. Die Schließung ihrer Medien und des Medschlis – ihrer Selbstverwaltung – sowie die Verfolgung von Mitgliedern der Gemeinschaft seien schwere Rechtsverletzungen, kritisierte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini im Frühjahr.

Ismailow versucht das mit Unkenntnis in Brüssel zu erklären. Er empfiehlt, sich selbst ein Bild zu machen. Und er widerspricht der Darstellung von Menschenrechtlern, Strafverfahren gegen unbequeme Tataren seien politisch inszeniert. In Haft seien Tataren, die sich radikalisiert und verbotenen islamistischen Gruppen angeschlossen hätten, meint er. Statt dem tatarischen Medschlis setze sich heute die gewählte Vertretung der Muslime für die Interessen der Menschen ein. Aber ja, es gebe auch eine Gruppe, die für eine Rückkehr der Krim zur Ukraine kämpfe. „Mehrheitsfähig ist das aber nicht.“

Moskaus Charmeoffensive

Russland indes schafft im Eiltempo Fakten, damit die Krim nicht länger vom ukrainischen Festland abhängig ist. Seit der Annexion und wegen drohender Blockaden von ukrainischer Seite, haben die Russen Kraftwerke und Pumpstationen gebaut. Inzwischen gibt es einen ultramodernen Flughafen, eine Brücke von dem Küstenort Kertsch zum russischen Kernland. Und die Autobahn Tawrida. Sie ist bisher nur auf einer Seite nutzbar und soll im Herbst 2020 vier Spuren haben.

Es ist Moskaus Charmeoffensive: Alle sollen sehen, dass Russland das Schicksal der Krim am Herzen liegt. Niemand, weder Krimtataren noch Russen noch Ukrainer, soll bereuen, dass hier nicht mehr die Ukraine, sondern ein anderer Staat das Sagen hat.

Frauen in einem Bus schwärmen Krim-Besuchern vor, dass es heute Spielplätze in allen Vierteln und Kita-Plätze ohne Wartelisten gebe. Die Renten sind höher als früher.

Ein Mann um die 60 meint, dass es doch in jedem Land etwas zu meckern gebe. Seine Rente bessert er mit dem Sammeln von Krim-Kräutern auf – für Tees, Tinkturen und Cremes. Ein anderer schwärmt, dass Putin es dem Westen mit der „Heimholung der Krim“ so richtig gezeigt habe. Der Kremlchef baue eine Großmacht auf, wie zu Sowjetzeiten.

Die Sanktionen wirken

Vieles ist nicht mehr wie früher. Geldautomaten akzeptieren wegen der westlichen Sanktionen keine ausländischen Karten – und auch nicht alle russischen. Wer als Ausländer reist, braucht Bares. Auch sonst ist der Druck des Westens allgegenwärtig. Wo einst im modernen Gebäude am Bahnhof die US-Fast-Food-Kette McDonald’s eine Filiale hatte, ist ein Awto-Café eingezogen. Statt eines KFC gibt es im Zentrum jetzt ein CFC – „Crimean Fried Chicken“. Die Geschäfte könnten besser gehen, ist allenthalben zu hören.

Vieles ist schwieriger geworden, vor allem für Ukrainer. Die Bahnverbindung, die früher die meisten Menschen auf die Krim brachte, ist geschlossen. Schnelle Wege gibt es nur über die Brücke von Kertsch vom russischen Festland oder mit dem Flugzeug in rund zwei Stunden von Moskau aus. Ohne Kontrolle. Doch aus Kiewer Sicht ist das illegal. Wer es sich mit der Ukraine nicht verscherzen und kein Einreiseverbot für das in die EU und in die Nato strebende Land kassieren will, reist über einen der drei Grenzübergänge ein.

Bisweilen Stunden warten Menschen etwa in Tschongar, ehe sie die ukrainischen und russischen Kontrollen und die verhörähnlichen Fragen der Uniformierten hinter sich lassen können. Viele Ukrainer fühlen sich wie Verräter behandelt, weil sie die Krim besuchen. Wo noch bis 2014 freie Fahrt war, prägen Stacheldraht und eine von beiden Seiten bewachte Pufferzone sowie bewaffnete Grenzsoldaten das Bild.

Eine gut 20-stündige Reise von Kiew nach Simferopol hat die Ukrainerin Lena hinter sich. Die 29-Jährige freut sich seit Wochen auf den Besuch bei ihren Eltern, das Baden im Meer, den Strand. „Das hier ist Zuhause, Heimat“, sagt sie in tadellosem Deutsch in einem Café in der lebendigen Fußgängerzone von Simferopol. Verlassen hat sie die Krim schon 2010, ging ins Ausland. In Freiburg im Breisgau habe sie über drei Jahre als Tanzpädagogin gearbeitet, sei in Shows im Europapark Rust aufgetreten.

Aus ihrem Bekanntenkreis weiß Lena, dass durch den Machtwechsel auf der Krim unzählige Freundschaften und Kontakte mit Ukrainern auf dem Festland zerbrochen sind – auch innerhalb einzelner Familien. Weil die Halbinsel abgeschottet vom Westen sei, ihr Weltoffenheit und Freiheit fehlten, befürchtet sie statt Fortschritt eher Rückschritt und Vergangenes. Kein Leben für sie. „Es gibt schon sehr viel Hass. Das ist die schlimmste Folge dieser Situation“, meint sie. Und hofft, dass sich das irgendwann wieder legt.

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