„Die Kinder merken nicht, dass sie manipuliert werden“

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Thomas Mücke sieht schutzbedürftige Kinder akut gefährdet, die von islamistischen Werbern kontaktiert werden.
Thomas Mücke sieht schutzbedürftige Kinder akut gefährdet, die von islamistischen Werbern kontaktiert werden. (Foto: VPN/Sven Klages)
Schwäbische Zeitung
Alexei Makartsev
Redakteur

Schutzbedürftige Jugendliche sind eine Zielgruppe der islamistischen Propaganda. Im Gespräch mit Alexei Makartsev erzählt Thomas Mücke, Leiter der Beratungsstelle Baden-Württemberg im Violence Prevention Network, wie den betroffenen Familien geholfen werden kann.

Die Bundesregierung ist „aufgeschreckt“ durch den Fall eines Zwölfjährigen, der einen Bombenanschlag in Ludwigshafen geplant haben soll. War diese Meldung auch für Sie schockierend?

Ja, es ist immer schockierend, wenn Kinder von Terroristen eingespannt werden für deren Zwecke. Aber es ist keine neue Erscheinung.

Was geht im Kopf eines Schülers vor, der eine Bombe legen und vielleicht Menschen töten will?

Solche Kinder können oft nicht einschätzen, was richtig oder falsch ist. Sie merken nicht, dass sie manipuliert werden. Die Extremisten machen ihnen Angst, durch die religiöse Sprache wird vermittelt, dass das Attentat notwendig ist. Wenn man die Jugendlichen dann nach den Gründen für ihr Handeln fragt, haben sie oft keine Antwort parat. Umso mehr muss man darauf achten, wenn sich junge Menschen in ihrem Verhalten plötzlich verändern – dann könnten sie gefährdet sein.

Müssen wir damit rechnen, in Zukunft von immer mehr radikalisierten Jugendlichen oder sogar Kindern zu hören, die Gewalttaten planen?

Die extremistische Szene wendet sich immer an Personen, die schutzbedürftig sind und sich leicht beeinflussen lassen. In der Realität sind besonders die jungen Menschen beeinflussbar. Der Islamische Staat kennt keine Altersbegrenzung. Es ist also kein Zufall, dass die religiösen Extremisten in den vergangenen Jahren sogar 14-Jährige dazu bringen konnten, in die Kampfgebiete auszureisen.

Hat sich das Problem von radikalisierten Jugendlichen in der letzten Zeit verschärft?

Solange sie eine Zielgruppe der extremistischen Propaganda bleiben, bleibt es ein ernstes Problem. Dabei wächst heute die Gefahr von terroristischen Angriffen, weil die Ausreise in die Kampfgebiete nicht mehr das strategische Ziel von Terroristen ist. Sie versuchen die jungen Menschen eher dazu zu bewegen, Anschläge im eigenen Land zu begehen.

Wie verhindert man, dass sich Jugendliche durch Kontakt mit Islamisten im Internet radikalisieren?

Das Internet ist selten die Ursache der Radikalisierung. Meistens findet sie eher durch direkte Kontakte statt. Die Extremisten gehen dabei auf die emotionalen Bedürfnisse ihrer Opfer ein und versuchen ihnen ein Gefühl der Geborgenheit und Gemeinschaft zu geben. Das Internet hat dann eine verstärkende Wirkung. Die extremistische Propagandamaschine manipuliert die Jugendlichen so weit, dass sie andere Sichtweisen gar nicht mehr zulassen.

Wie können Sie helfen?

Wenn die Familienangehörigen uns kontaktieren, weil sie merken, dass mit den Jugendlichen etwas nicht stimmt, muss es ganz schnell gehen. Wir versuchen, die Eltern-Kind-Beziehung zu stärken und direkten Kontakt mit den betroffenen Personen aufzunehmen. Wenn es um Kinder geht, wird das Jugendamt eingeschaltet. Wir begleiten dann die Jugendlichen schließlich ein oder zwei Jahre lang, um sie aus dieser Szene hinauszuführen.

Wie ist ihre Erfolgsquote?

Sie ist hoch. Die größten Probleme gibt es mit Familien, die erst sehr spät unsere Beratung in Anspruch nehmen. Ich rate daher allen Betroffenen dazu, möglichst schnell die zentrale Hotline des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge anzurufen, wenn sich die Jugendlichen verändern. Das Bundesamt vermittelt Kontakt zu örtlichen Beratern, die schnell handeln können.

Wie kann man erkennen, dass Jugendliche radikalisiert sind?

Sie verlassen abrupt ihren Freundeskreis, ihr Wesen verändert sich schnell, sie denken oft nur in „Schwarz-Weiß-Kategorien“ oder sprechen davon, dass man als Muslim nicht in Deutschland leben kann. Bei Kindern haben wir noch zu wenige Erfahrungen, um solche Signale zu benennen.

Muss man Eltern stärker in die Pflicht nehmen, damit sie rechtzeitig auf die Gefahr für ihre Kinder reagieren?

Das sehe ich nicht so. Keine Familie ist davor gefeit, das ihr Kind mit der extremistischen Szene in Berührung kommt. Es kann auch die Tochter eines Polizisten oder den Sohn eines Lehrers treffen. Man kann die Eltern nicht unterstützen, indem man sie noch mehr unter Druck setzt. Aber man muss Druck gegen Strukturen aufbauen, die Kinder für ihre Zwecke missbrauchen. Da muss der Staat einschreiten.

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