Die fürchterlichen Folgen des IS-Terrors

Ein jesidisches Flüchtlingsmädchen im Camp Mam Rashan.
Ein jesidisches Flüchtlingsmädchen im Camp Mam Rashan. (Foto: Ludger Möllers)
Chefredakteur

Acht Jahre nach dem Überfall der Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) und fünf Jahre nach dem Sieg über den IS kommt der Irak nicht zur Ruhe. Die Gründe für diese Situation sind vielfältig.

Was ist im Sommer 2014 passiert?

Die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) haben die irakische Großstadt Mosul erobert und ein Kalifat ausgerufen. Sie rücken weiter vor und verüben einen Völkermord an der religiösen Minderheit der Jesiden im Shingal-Gebirge im Nordwesten des Landes. Bis zu 10.000 Menschen werden ermordet und etwa 7000 Frauen verschleppt. Hunderttausende retten sich in die Autonome Region Kurdistan. Zeitgleich flüchten etwa eine Viertel Million Syrer vor dem IS in die Kurdengebiete des Iraks. Dort leben knapp fünf Millionen Menschen. Im Kriegs-chaos nehmen die Kurden in der Spitze fast zwei Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene auf. Der IS kann mit internationaler Hilfe 2017 militärisch besiegt werden.

Wie ist die Situation der Flüchtlinge heute?

Unverändert schlecht. Alleine in der Provinz Dohuk, in der die Hilfsaktion der Schwäbischen Zeitung ihren Schwerpunkt hat, leben etwa 500.000 Menschen in 20 Camps, die mehrheitlich aus Zelten und ein paar Wohncontainern bestehen. Im kalten Winter wie im brütend heißen Sommer ist das Leben dort unerträglich.

Warum kehren die Jesiden nicht nach Hause zurück, schließlich ist der IS doch aufgerieben worden?

Die Sicherheitslage im Shingal-Gebirge ist weiterhin eine Katastrophe. Die Dörfer sind zerstört und das Gebirge ist für mehrere bewaffnete Gruppen aus strategischer Sicht wichtig.

Da sind die von Iran finanzierten schiitischen Milizen, die den problemlosen Transport von Waffen nach Syrien und in den Libanon garantieren. Die türkische Luftwaffe bombardiert regelmäßig Positionen der als Terroristen eingestuften Verbände der kurdischen Arbeiterpartei PKK, die dort ebenfalls um Einfluss ringt. Dazu kommen Soldaten der kurdischen Peschmerga, offizielle irakische Armeeverbände und auch die Bundespolizei. Darüber hinaus halten sich untergetauchte IS-Männer in der Gegend auf. Dennoch versuchen regelmäßig Jesiden in ihrer Heimat Fuß zu fassen. Häufig kehren sie nach wenigen Wochen desillusioniert wieder in die Camps zurück.

Wie stabil ist der Irak?

Nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein sieht die 2005 per Volksentscheid angenommene Verfassung eine demokratische und föderative Ordnung vor. Im Oktober 2021 fanden Parlamentswahlen statt. Erst ein Jahr später konnten sich die Parteien auf eine Regierung einigen. Das Land steckt seit Jahren in einer schweren wirtschaftlichen Krise mit hoher Arbeitslosigkeit. Dazu kommen regelmäßige Machtkämpfe oder Auseinandersetzungen zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen. Anders als den Zentral-irak sieht der deutsche Botschafter in Bagdad, Martin Jäger, die kurdischen Autonomiegebiete als einen „Hort der Stabilität“ im Irak. In der Hauptstadt Erbil sind auch Bundeswehr-Soldaten stationiert.

Was sind die größten Probleme der Kurden?

Sie sind vollständig umzingelt von Feinden, Gegnern oder zumindest von Staaten, die ihnen nicht zwingend etwas Gutes tun wollen.

Das Mullah-Regime in Iran attackiert in diesem Jahr regelmäßig Regionen unweit von Erbil mit Raketen und Drohnen. Dort vermuten sie Stellungen von Regimegegnern. Bislang hat es mehrere Tote gegeben, darunter eine hochschwangere Frau.

Auf der anderen Seite fliegen die Türken völkerrechtswidrig Angriffe auf PKK-Stellungen in den Bergen unweit der türkischen Grenze. Auch hier gab es zuletzt zahlreiche tote Zivilisten.

Zwischen Bagdad und Erbil sind die Beziehungen ausgesprochen schlecht. Vielleicht ändert sich das mit der neuen Regierung in Bagdad, wo seit langem erhebliche Geldüberweisung an die Kurden zurückgehalten werden.

Darüber hinaus gibt es Anzeichen, dass die Vereinten Nationen und andere Hilfsorganisationen ihre Finanzhilfe drosseln, da es anderswo in der Welt noch dramatisch schlechter zugeht.

Welche Perspektiven haben die Entwurzelten?

Keine großen. Die Sicherheitslage im Shingal-Gebirge verhindert die Rückkehr. Jobs werden verzweifelt gesucht. Obwohl sie wissen, dass sie kaum eine Chance haben, denken immer mehr Menschen über eine Flucht nach Europa nach. Viele der Menschen, die an der Grenze zwischen Belarus und Polen feststecken, kommen aus den Camps der Autonomiegebiete.

Die „Schwäbische Zeitung“ unterstützt beispielsweise mit Gewächshäusern mehrere Bauernfamilien, hilft Handwerkern bei der Gründung eines Gewerbes und fördert die Schulausbildung. Erstmals ist die Zeitung mit dem katholischen Erzbischof von Erbil im Gespräch, um jesidischen Mädchen den Besuch einer Universität zu ermöglichen.

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