Die EU sollte den Briten auch weiterhin die Tür offen halten

Lesedauer: 3 Min
Den Briten die Tür offen halten
Den Briten die Tür offen halten (Foto: Roland Rasemann)
Sebastian Borger

Drei Dinge hat Theresa May diese Woche verloren. Die Stimme, geraubt von einer schweren Erkältung, wird die britische Premierministerin bald zurückhaben. Die Brexit-Abstimmungen im Unterhaus, aber die waren nicht das letzte Wort. Gewiss muss die Regierungschefin nun demütig in Brüssel um Aufschub des EU-Austritts bis mindestens Ende Juni bitten, aber das von ihr ausgehandelte Verhandlungspaket kehrt nächste Woche ins Parlament zurück. Die Chancen für eine Annahme schienen am Freitag gar nicht mal schlecht zu stehen. Und drittens: Unwiederbringlich dahin ist die Illusion, Großbritannien habe eine am gleichen Strang ziehende Regierung. Erst verweigerten die Brexit-Skeptiker, dann die Brexit-Befürworter im Kabinett der Chefin die Gefolgschaft. Die eigentlich fälligen Rausschmisse blieben aus. May ist dafür viel zu schwach.

Dass sie trotzdem weiterhin in der Downing Street verharrt, hat einen einfachen Grund: Die Gegner sind noch unglaubwürdiger. Was soll man halten von einem Brexit-Minister wie Stephen Barclay, der allen Ernstes für eine Regierungsvorlage das „nationale Interesse“ anruft – und wenige Minuten später selbst dagegen stimmt? Wie beschreibt man den Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn und dessen elendes Lavieren zur Frage, ob ein zweites Mal abgestimmt wird? Auf dem Kontinent rollen viele nur noch mit den Augen. Können die Briten nicht endlich ihren Hut nehmen und sich anständig aus der EU verabschieden?

So verständlich die Genervtheit ist, weise ist sie nicht. Zum einen könnten die Europäer ihre Probleme anpacken, wenn denn ein Wille dazu vorhanden wäre. Dass Deutsche und Franzosen diametral unterschiedliche Visionen von der Eurozone und anderen wichtigen Projekten verfolgen, kann man nicht den Engländern in die Schuhe schieben. Zum anderen ist das europäische Projekt kein Selbstzweck. Es dient dem Wohl aller Bürger des Kontinents. Die Selbstbezogenheit Brüssels zieht nicht nur auf der Insel Kritik auf sich. Die EU und ihre Mitglieder sollten dem vom Nationalismusfieber geschüttelten Großbritannien auch weiterhin die Tür offen halten.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen